Prometheisches Programm

Die Einsamkeit der Vernunft I

Unter den menschlichen Erfahrungsfähigkeiten ist es einzig das Sehen, das einen Eindruck des gestirnten Himmels zu geben vermag. Dass der Augenblick erstmaliger Himmelsbetrachtung sich jedem ernsthaften Datierungsversuch entzieht, ist unerheblich für die Bedeutung, die man diesem Ereignis beigemessen hat: Am Ende einer langen animalischen Nachtszene kommt es bei einem Bewohner dieses Planeten zur Eröffnung eines bewusstseinsgeschichtlichen Abenteuers, indem er sich anschickt – wie Hans Blumenberg es formuliert hat –, »den Blick aus der Sphäre der biologischen Signale heraus zu heben und das Unerreichbare in die Aufmerksamkeit hineinzuziehen.«1 Hier treten die Umrisse einer Erzählung hervor, deren Pointe weniger in der Langwierigkeit schleichender Prozesse liegt, sondern die ihren Reiz vielmehr der rätselhaften Plötzlichkeit anthropologischer Schlüsselmomente verdankt.

Die gedankliche Annäherung an das, was hier als erste Attraktion des Himmels, als sinnlich-mentale Doppelbewegung aus Hebung und Einholung umrissen wird, ist oft im Bild einer Erwachensmetapher vollzogen worden. Die Schau des Firmaments gerät damit mühelos zum kosmischen Großereignis, das in seiner Erheblichkeit für die Stellung des Menschen schier unüberbietbar wird. Nach unbekannter Dauer beginnt das All, mit einem stillen ›Augenaufschlag‹ im menschlichen Blick auf sich zurückzuschauen, ohne sich auf diesem Wege begreiflich zu machen, wie ihm dieses Kunststück hat gelingen können. Für homo sapiens mag die eigentliche Zumutung jedoch darin liegen, dass es womöglich zum Schicksal seiner Gattung gehört, niemals zu erfahren, ob es sich bei ihm überhaupt um das für kosmische Selbsterkenntnis geeignete Modell handelt.

Das Defizit versagter Einsicht in erste und letzte Dinge mag zu verwinden sein angesichts der Dignität, die dem Aufschwung zu höherstufigem Bewusstsein eignet. So betrachtet, muss der Mensch auf seinem Heimatplaneten keineswegs als jener Fall von Kleinheit und Bedeutungslosigkeit verstanden werden, von dem unter Verweis auf die Größenordnungen des Universums oft die Rede ist. Bei aller Ehrfurcht vor den Distanzen und Abmessungen, die unsere Vorstellungskraft mühelos in die Knie zwingen, solange für uns nichts in Aussicht steht, was als eine Art von erdferner Vernunft gelten könnte, spricht nichts prinzipiell gegen die Annahme, dass unser Planet als »Wunder von Ausnahme«2 das reflexive Zentrum inmitten geistloser Wüsten bildet.

Allerdings hat diese Einschätzung in den letzten Jahrzehnten an Plausibilität verloren. Die Erkenntnisfortschritte der modernen Kosmologie haben die Vorstellungen von der Größe des Universums, wie sie bis in die 1970er Jahre teils noch vorherrschten, revidiert. Die damals verbreitete Annahme eines begrenzten Raumes mit einem Durchmesser von einigen Millionen Lichtjahren ist der Einsicht gewichen, dass das All nicht nur bei weitem größer ist, sondern dass es uns auch prinzipiell unmöglich ist, Klarheit über seine wahren Ausmaße zu gewinnen. In Anbetracht der unfasslichen Erstreckungen mit ihren Myriaden an Milchstraßen scheinen die Gesetzte der Wahrscheinlichkeit nunmehr zu der Folgerung zu zwingen, dass intelligentes Leben keine terrestrische Einmaligkeit sein könne.

Mit einem Szenario, für dessen Formulierung Giordano Bruno einst in die Flammen gehen musste, werden schließlich auch alle Fragen um Wahrscheinlichkeiten hinfällig. Die Unendlichkeit des Universums, die auch heute nicht ausgeschlossen werden kann, vernichtet die Möglichkeit von Ausnahmen und lässt damit jedwede Besonderheit im nivellierenden Sog unendlicher Mengen zergehen.

Und doch bleiben diese vom Zauber des Extrems umspielten Angelegenheiten mit Zweifeln behaftet. Vor dem Hintergrund quantitativer Bombastizität des Untersuchungsfeldes ist es gewöhnlich die Frage nach »intelligentem Leben«, die zum Prüfstein humaner Exzeptionalität wird. Unbedacht bleibt dabei, dass der vage Begriff »intelligenten Lebens« gerade das verspielt, worauf es hier ankommt: das auszeichnende Moment unter den Namen »Vernunft«, »Selbstbewusstsein« oder »Geist«.

»Nichts von dem, was da oben leuchtet, scheint das Leben zu ertragen oder gar unablässig der Vernunft entgegenzueilen.«3 Einer jener Schlussätze der 1975 erschienenen Genesis der kopernikanischen Welt, mit denen Hans Blumenberg nicht nur die Ernüchterung über eine in ihren Anfangsjahren mit Erwartungen überfrachtete Astronautik zum Ausdruck bringt. Die Exkursionen machten wenig Hoffnung darauf, dass in einem Umkreis, der jemals an den Verkehrsraum »Erde« angebunden werden könnte, ähnliche Lebensbedingungen oder gar Begegnungen auf Augenhöhe möglich sein könnten. Der Satz beinhaltet aber auch eine tiefe Skepsis gegenüber der Voraussetzung, »die Wahrscheinlichkeit von Leben auf Planeten fremder Sonnensysteme schon für die Basis der Annahme von Vernunft«4 zu halten. Damit wird zugleich eine persönliche Neigung im Kerngebiet philosophischer Unsicherheit offenkundig: Wo die Existenz von »Leben« nichts über die Möglichkeiten höheren Bewusstseins aussagt, scheint die Vernunft keinen physikalischen Realisierungszwängen zu unterliegen.

Mit einer Nachricht an einen langjährigen Briefpartner ragt Gottfried Benn in diese Problemkreise der allgemeinen und speziellen Metaphysik hinein. Die Schilderung vom 9. März 1941 hebt mit der drückenden Tristesse einer alltäglichen Begebenheit an, um aus der scheinbar unspektakulären Beobachtung eines trägen Räubers die ganze Strahlkraft einer Sonderstellung heraufziehen zu lassen:

Lieber Herr Oelze,
der Sonntag ist zu Ende, grauer Vorfrühling, grösstenteils Regen, alles sehr dunkel, ich war im Zoo, um meine Frau zu zerstreuen: Bären, Robben, Jaguare und mein Lieblingstier: das Puma regungslos auf einen Ast gestreckt, monoman, mit grünen Augen. Ich muss sagen, ich war tief beeindruckt von dem allen, tief beeindruckt vom Tier, dem Verhafteten, ungeheuer Unterworfenen aller seiner Wendungen und Bewegungen, seinen schauerlichen Wiederholungszwängen im Traben, Schaben, Wetzen, Heulen, dieser ganzen Neuronen- und Reflexspannung von geradezu fühlbarem Charakter, die nur die Entladung in die Muskulatur kennt, – offenbar die älteste Vorform des Bewusstseins –, noch ohne jeden Ausweg in die Trennung vom Objekt, die wir dann brachten. Von neuem wurde mir klar, was für eine den Heutigen garnicht mehr nachspürbare kosmische katastrophenhafte Entspannung dies Bewusstsein für das All wurde nach soviel Millionen Monden Reiz- und Rückenmarkverhaftetheit. Sicher war die Epoche dieses Aufstemmens von der Muskulatur hinüber in den Gedanken eine ganz unheimliche und grausame, und dann kam dies Ausströmen der Unruhe und der Last in ein Bild und Gegenbild.5

Bei allem, was sich über Motive und Zwecke des Zoobetriebs sagen ließe, ist diese Einrichtung ohne ein zivilisatorisches Präsentationsbedürfnis auch heute nicht vorstellbar. Als Stätte knapp bemessener Einhegung und Zurschaustellung eignet sie sich nicht nur hervorragend, um in freizeittauglichen Komfortzonen Restbestände einer fernen Wildnis zu betrachten. Auch zur – von Bewunderung nicht ganz freien – Selbstvergewisserung wird dem Besucher in der direkten Gegenüberstellung Gelegenheit gegeben. Im Rahmen markanter Entgegensetzungen lässt uns die Notiz aus dem Frühjahr 1941 an einer solchen gedanklichen Rückbeugung teilhaben: Während die tierische Existenz von Verhaftung, Unterwerfung und Zwang bestimmt ist, umreißen die Bilder des Auswegs, der Trennung und des Aufstemmens die exzentrische Situation des Menschen. Ohne dass die Ausdrücke direkt zur Sprache kommen, verlaufen Benns Überlegungen entlang der Opposition von »Geist« und »Leben« und stehen damit im Lichte einer der großen Alternativen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders im Umfeld der Philosophischen Anthropologie gepflegt wurden. Bevor wenige Jahre darauf eine neue Philosophie des Geistes in ihren begriffsanalytischen und empirischen Phasen diesen Fragen- und Problemkomplex neu aufspannen wird, ist er hier noch von einem leisen metaphysischen Pathos getragen, dem man in späteren Debatten nicht mehr allzu häufig begegnen wird.

Zwischen den reduktiven Extremitäten materialistischer und idealistischer Art hat die alte Beschäftigung mit der Frage nach dem »Geist« eine Vielzahl an Positionen hervorgebracht, ohne dass die Probleme hätten abschließend gelöst werden können. Als Träger der Hoffnungshauptlast präsentieren sich nunmehr die Naturwissenschaften, wenn es gilt, in absehbarer Zeit über die wahre Natur und letzte Realität auch jenes obskuren Wunderdinges ein für allemal Klarheit zu verschaffen. Das Geschäft der Verwesentlichung findet seine Fortsetzung mit der Erwartung, auf empirischem Wege zum Ende zu gelangen.

Gegenüber solchen Finalisierungsattitüden lenkt der Einsatz Benns den Blick auf die Wandlungen, denen nicht nur die Sichtweise auf diese Probleme, sondern auch der Umgang mit ihnen binnen weniger Jahre unterworfen war. Zugleich ist mit der klar pointierten Auffassung, dass der Mensch in eine vorfindliche Ordnung sich nicht so recht einfügen mag, eine Konstellation im Spiel, deren zeitliche Tragweite den ganzen Horizont modernen Autonomiebewusstseins weit hintergeht. Nicht erst die Vertreter der Philosophischen Anthropologie sind es, die in spezifischen Distanzierungsleistungen und entsprechenden Abstandsverhältnissen unveräußerliche menschliche Merkmale erkennen. So zeichnen sich Plessners ›Emigrant der Natur‹ und Schelers ›Neinsagenkönner‹ ebenso durch ihre abweichend-exzeptionelle Stellung aus wie beispielsweise Herders ›erster Freigelassener der Schöpfung‹. Und obwohl die Antike über keinen Begriff einer legitimen humanen Eigenwelt verfügt, ist auch sie bereits von der Intuition geprägt, dass die Sterblichen der kosmischen Ordnung mehr gegenüberstehen als angehören.6

Was den folgenschweren Effekt jenes visuellen Vertikalausfalls angeht, findet sich bei Georg Simmel die Vermutung, dass unter dem Eindruck der Gestirne die Vorstellung von Transzendenz entstanden sein könnte.7
Mit seiner Überlegung, erst das Sehen eröffne Zugang zu dem, was sich nur noch denken lasse, steht Simmel in bemerkenswerter Nähe zu Platon, der sich an einer Stelle des Timaios zu den Leistungen und Vorzügen des Augensinnes äußert. Einmal mehr ist es die Himmelsbetrachtung, die als Ausgangspunkt avancierter Denkbewegungen letztlich auch den Anfang einer Philosophie markiert, deren Verhältnis zur Sinnenwelt von so nachdrücklicher Geringschätzung geprägt ist. Doch dieser Gegensatz, der in der westlichen Geistesgeschichte tiefe Spuren hinterlassen hat, verliert an Schärfe angesichts der Bedeutung, die dem Sehvermögen in dem Spätdialog zukommt. Denn das Augenlicht sei uns verliehen,

damit wir aus der Betrachtung der Kreisbewegungen am Himmel Nutzen zögen für die Gestaltung der Umläufe in unserem eigenen Gedankenreiche; denn diese Umläufe sind mit jenen verwandt, nur daß sie in ihrer Ordnung gestört, jene dagegen jeder Störung enthoben sind: sie sollten wir verstehen lernen und uns die Berechnung ihres naturgemäßen Ganges zu eigen machen, um durch Nachahmung der göttlichen, unfehlbar richtigen Umläufe den in unserem eigenen Inneren sich vollziehenden schwankenden Umläufen einen festen Halt zu gewähren.8

Wenn auch das Sehen als bloßes Mittel für übergeordnete Zwecke von unzweifelhaft minderem Range ist, so bliebe der Vernunft die Ausrichtung an kosmischer Mustergültigkeit ohne die Leistungen des Gesichts doch verstellt, anders gesagt: Ohne den Schein ist das Sein nicht zu haben.

  1. Blumenberg, Hans: Die Genesis der kopernikanischen Welt, Frankfurt/M. 1981, S. 14.
  2. Ebd., S. 793.
  3. Ebd., S. 792.
  4. Ebd., S. 791.
  5. Benn, Gottfried: Briefe an F. W. Oelze, Erster Band, hrsg. v. Harald Steinhagen und Jürgen Schröder, Frankfurt/M. 1986, S. 262 f.
  6. Vgl. Blumenberg, Genesis, S. 16.
  7. Vgl. Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, in: ders., Gesamtausgabe, hrsg. v. Otthein Rammstedt, Bd. 11, Frankfurt/M. 1992, S. 731.
  8. Platon: Timaios, in: ders., Sämtliche Dialoge, Bd. VI, hrsg. v. Otto Apelt, 2. Aufl., Leipzig 1922, unveränderter Nachdruck, Hamburg 1998, 47 St., S. 71.

Gärten II

Von gedeihlichen Stunden in entrückten Grünanlagen handeln auch die Gespräche über die Vielzahl der Welten, mit denen der französische Frühaufklärer Bernard Le Bovier de Fontenelle im späten 17. Jahrhundert eine große Leserschaft erreicht.1

  1. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686), in: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119.