Prometheisches Programm

Schwache Transzendenz III

Wenn es etwas gab, das einmal als Sinnbild maximaler Distanz fungierte, als Inbegriff versagter Machtausübung, dann handelte es sich zweifelsohne um den gestirnten Himmel. In der langen Geschichte seines Gewahrens sehen wir vielleicht diese eine Konstante, dass das strahlende Gewölbe stets noch mit einer letzten »Garantie der Unerreichbarkeit«1 versehen blieb. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts war es nichts Geringeres als diese Garantie, die unter Aufbietung gewaltiger Energien menschlichen Erfindungsgeistes wohl mehr erlitten hat als eine eindrucksvolle Beschädigung.

Der finale Ruin der Zusicherung eines absoluten Entzuges muss durch eine kapitale Ermöglichung eingetreten sein, die Hans Blumenberg in einer Glosse zu Ernst Jünger zur Sprache bringt: Die Erdenbewohner haben sich mit Hilfe ihres technischen Könnens in die Lage versetzt, ihrer irdischen Heimat den Rücken zu kehren. Die alte Hoffnung auf die Möglichkeit des Aus- bzw. Aufbruchs von diesem Ort, der oft genug als verwilderte Todeszelle empfunden worden ist, habe sich damit in einer dem Zeitalter angemessenen Weise erfüllt. Denn die Aussicht auf Seelenfahrt in göttliche Transzendenz ist den Modernen doch mindestens verblasst. Der Fortgang ins außerplanetarische Jenseits komme konsequenterweise nur als Reise bei lebendigem Leibe in Betracht.2

Im Vorfeld dieser Ausweitung des technischen Wirkungsbereichs hatte Helmut Plessner von einer »Revolte des Gefühls« gesprochen und damit sein eigenes Unbehagen zum Ausdruck gebracht. Angesichts der bevorstehenden Expansion fürchtete er nicht nur »einen Schock für unser Weltgefühl«, sondern gab darüber hinaus auch eine »Schändung des Himmels« zu bedenken.3 Die recht drastische Wortwahl lässt ein altes Motiv erkennen, das die Gewaltsamkeiten menschlichen Zugriffs mit einer bewahrenswerten Kulturlosigkeit kontrastiert. Ganz in diesem Sinne konnte Heinrich Heine in Kluge Sterne noch den Abstand bedichten, der einen dauerhaften Schutz vor humaner Penetranz gewährleistete:

Die Sterne sind klug, sie halten mit Fug
Von unserer Erde sich ferne;
Am Himmelszelt, als Lichter der Welt,
Stehn ewig sicher die Sterne.

Das entscheidende Datum für das Ende solcher Gewissheiten war das Jahr 1957: Erstmals gelingt es Menschen, ein von ihrer Hand hergestelltes Ding in den Orbit zu befördern. Wenn auch Argwohn und Skepsis bei manchem Beobachter überwogen, so wird das Geschehen nicht selten auch Anlass zu offener Bewunderung gegeben haben. Hannah Arendt beispielsweise scheint von einer solchen Gemütslage nicht allzu weit entfernt, wenn sie die Raumfahrt in gewisser Weise als flüchtige Liaison mit dem Ewigen betrachtet: Indem Menschenwerke »für eine Zeit in den gleichen, durch die Gravitation bestimmten Bahnen […] wandeln, die den Himmelskörpern seit Ewigkeit den Weg und den schwingenden Lauf zeichnen«,4 reihen sie sich ein in die Pracht des Firmaments, von wo aus sie auf die in terrestrischen Gemarkungen Zurückgebliebenen herableuchten. Es ist die Zeit der »prometheischen Scham« (Günther Anders) – und vielleicht ließe sich hinzufügen: des prometheischen Neides.

Doch die neuen Ausflugmöglichkeiten bleiben nicht lange ein Privileg der Maschinen. Dreieinhalb Jahre nach dem Exodus eines Satelliten umkreist der erste Mensch seinen Heimatplaneten, und es vergehen nicht mehr als acht weitere Jahre bis zur menschlichen Fußspur auf dem Mond. Verblüffend mutet da Fontenelles gelassene Zuversicht an, mit der er die Entwicklung im ausgehenden 17. Jahrhundert vorausgesagt hatte: »Die Kunst zu fliegen ist gerade erst geboren; sie wird sich vervollkommnen und eines Tages wird man zum Mond fahren.«5 Im Kontext frühaufklärerischer Fortschrittserwartung mit ihrem zeittypischen Glauben an erdähnliche Welten und großzügige Vernunftvorkommen im extraterrestrischen Nahbereich ist diese Haltung wenig erstaunlich. Es ist vielmehr die tatsächliche Realisierung jener Fahrt, die den Worten nachträglich eine fast unheimliche prognostische Kraft verleiht.

Nachdem die weißen Flecken auf den Land- und Seekarten über Jahrhunderte hinweg allmählich den Farben hatten weichen müssen, sind mit der Reise zum Erdtrabanten die Grenzen des für den Menschen physisch Erreichbaren nun weit vorgeschoben. Was jedoch Fahrten zu noch entfernteren Orten oder gar den Aufbruch in die ungewissen Weiten des Alls angeht, um noch einmal auf Blumenbergs Notiz zurückzukommen, habe das Problem der Rückkehr eine solche Unternehmung bisher verhindert. Wieder einmal blickt man der Technik hinterher, die in Form unbemannter Schiffe in die Tiefen des interstellaren Raumes vordringt. An diesen Voyagern gewinnt Blumenberg seine Pointe, und zwar in erstaunlicher Nähe zu Arendts Deutung des ersten orbitalen Ausfluges. Unter dem bemerkenswerten Titel Ein Platonismus des Gemachten wird dem Leser die potentielle Unvergänglichkeit dieser Schiffe vor Augen geführt: »[D]em Schicksal der Gattung seiner Erfinder für immer entronnen«, bewegt sich das Gerät fernab irdischer Verfallsbedingungen durch Regionen, »wo die Wahrscheinlichkeit von Untergängen unendlich geringer ist«.6

Zugegeben, angesichts derart positiver Platonizität drängt sich der Eindruck auf, man habe es lediglich mit einer Art Schwundstufe zu tun. Aber entscheidend ist doch die Möglichkeit, den Eintritt menschlicher Erzeugnisse in ein Reich des Unveränderlichen überhaupt auch nur einigermaßen plausibel formulieren zu können. Denn es geht hier ja nicht um den klassischen durch Methexis verbürgten Teilhabestatus, der auch das flüchtigste Einzelding noch am ewig wahren Sein partizipieren lässt. Dem Gemachten selbst eignen nun Attribute, mit denen sonst nur die Idee versehen war.

Freilich ließe sich einwenden, dass der Ort, den das hergestellte Ding durch Überschreitung der planetarischen Grenze erreicht, nirgendwo anders liege als in der bloßen Fortsetzung des ausgedehnten Raumes. Prinzipiell gelangt man dorthin genauso wie zum Geschäft am anderen Ende der Stadt oder zur Küste jenseits des Ozeans, einzig mit dem Unterschied, dass das Fortbewegungsmittel technisch ein wenig ausgeklügelter zu sein hat. Aber auch hier muss die Kritik nicht vorschnell auf schlechte Transzendenz abzielen. Denn die Tatsache, dass unter neuzeitlich-modernen Bedingungen die begriffliche Umgebung der »Ewigkeit« überhaupt wie dargelegt annehmbar in Stellung gebracht werden kann, ist schon – wie gesagt – ein nennenswerter Befund.

Der gedanklichen Zuspitzung des genannten Jünger-Kommentars im »Platonismus des Gemachten« gelingt es, auf semantischer Ebene Bruch und Synthese eigentümlich zu verschmelzen, um einen Ausdruck zu bilden, dessen innere Spannung noch von der einstigen Distanz seiner Elemente zeugt. Ob als subjektiver Genitiv oder als Genitivus obiectivus gelesen, die Komposition beschert dem von Menschen Gemachten eine enorme Aufwertung, und zwar auf Kosten dessen, was auch ohne unser Zutun da ist.

Wenn Blumenberg vor dem Bug der Sternenschiffe eine verheißungsvolle Überweltlichkeit aufscheinen lässt, so sicher nicht in der Absicht, den Aufstieg menschlicher Produkte in einen Ideenhimmel zu behaupten oder neue Pfade in ein verlorengeglaubtes Jenseits aufzuzeigen. Denn die eigentümliche Dignität, die dem Hergestellten in dieser arrangierten Kollision mit dem Unüberbietbaren zuteil wird, will dem Menschenwerk nicht so recht anstehen. Zu groß ist die ontologische, aber auch die chronologische Kluft, die hier mit einem Kunstgriff geschlossen wird, um zwei inkommensurable Größen zusammenzubringen. Überzeugender ist der »Platonismus des Gemachten« als raffiniertes Spiel mit Bedeutungen, dessen Witz nicht zuletzt darin besteht, dass es einen Paradigmenwechsel in der Prägnanz weniger Zeilen thematisiert. Es geht dabei um die lange denkgeschichtliche Bewegung des Auf- und Abwertens, in der das menschliche Können dem Vorgegebenen seinen exemplarisch-gebieterischen Rang zunächst streitig macht, um anschließend selbst zum Leitbild des Weltbegreifens zu avancieren.

  1. Blumenberg, Genesis, S. 28.
  2. Vgl. Blumenberg, Hans: Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger, hrsg. v. Schmitz, Alexander/Lepper, Marcel, Frankfurt/M. 2007, S. 114 f.
  3. Plessner, Helmut: Gedanken eines Philosophen zur Weltraum-Rakete. Radiobeitrag aus der Reihe Gedanken zur Zeit des Bayerischen Rundfunks, gesendet am 13. Oktober 1949, 22:45 bis 23:00 Uhr, in: Fischer, Joachim/Spreen, Dierk (Hrsg.), Soziologie der Weltraumfahrt, Bielefeld 2014, S. 197–201, hier S. 198.
  4. Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München, 8. Aufl., 2010, S. 7.
  5. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686). In: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119, hier S. 53.
  6. Blumenberg, Mann vom Mond, S. 115.

Gärten II

Von gedeihlichen Stunden in entrückten Grünanlagen handeln auch die Gespräche über die Vielzahl der Welten, mit denen der französische Frühaufklärer Bernard Le Bovier de Fontenelle im späten 17. Jahrhundert eine große Leserschaft erreicht.1

  1. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686), in: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119.