Prometheisches Programm

Der Auftritt des Technikers IV

Gegen Ende jener Epoche, die im abschätzigen Urteil der Nachgeborenen einmal das ›Mittelalter‹ genannt werden wird, erscheint eine neue Figur auf der Bühne des Welttheaters. Es ist kein beiläufiger Auftritt irgendeines Mitspielers, denn hier wagt sich ein Hauptakteur im Lichte eines neuen Programms auf die Bretter: transzendentaler Ordnungsverlust und humane Selbstbehauptung bilden die Voraussetzungen, unter denen die heraufziehenden Stücke ihre Dynamik entwickeln werden. Mit der autonomen Leistungsgestalt des neuzeitlichen Technikers etabliert sich auch eine Gestimmtheit zur Welt, für die ›Natur‹ nicht mehr der Inbegriff exemplarischer Vorgegebenheiten ist, sondern vor allem die Verfügungsmasse eines demiurgischen Tatendurstes, womit sich der Platz im begrifflichen Stellensystem radikal verschiebt.

Die abstrakte Figur des Technikers ist deshalb interessant, weil sie es ist, die den neuen Machtbereich entsicherter Zugriffsmöglichkeiten dominiert, und weil an ihr der Umbruch von Weltverhältnissen und Ordnungsentwürfen paradigmatisch greifbar wird. Sie muss hier vorgestellt werden als abstrakter Allgemeinbegriff, als Ausdruck einer zeittypischen geistigen Qualität, die den Einzelfall charakterisiert und eine überindividuelle Antriebsrichtung beschreibt.

Dem Charakterbild des Konstrukteurs ist wohl kaum jemand so akribisch nachgegangen wie Hans Blumenberg, dessen ausgedehnte Erkundungen von einer Asymmetrie berichten: Während der Techniker seiner Tätigkeit in vollem Bewusstsein der eigenen Potenz nachgeht, zeichnet er sich zugleich durch einen eklatanten Mangel an sprachlichen Fähigkeiten aus. Die Gründe für dieses Defizit liegen nicht so sehr in der schlagenden Evidenz geglückter Funktion, die der zusätzlichen Anstrengung verbaler Auszeichnung nicht bedarf. Statt dessen weist Blumenberg auf das fehlende Reservoir an sprachlichen Mitteln hin, mit dessen Hilfe etwas Gewichtiges über die technischen Schöpfungen hätte gesagt werden können. Denn anders als im Falle der Dichter oder Künstler im engeren Sinne habe man hier nicht auf einen hergebrachten Fundus zurückgreifen können, um den Resultaten konstruktiver Rationalität auf sprachlicher Ebene gewachsen zu sein. Als Erklärung für den Fortbestand dieser Leerstelle fungiert jedoch nur die knappe polemische Einschätzung, dass Abhilfe zu schaffen die Protagonisten der technischen Sphäre wohl kaum in der Lage gewesen seien. Dieses Missverhältnis habe schließlich zu dem bedenklichen Umstand führen müssen, »daß die Leute, die das Gesicht unserer Welt am stärksten bestimmen, am wenigsten wissen und zu sagen wissen, was sie tun.«1

In den kulturellen Selbstverständigungspraktiken beweist das Motiv des Gefälles zwischen technischem Können und Sprachfähigkeit eine beachtliche Langlebigkeit. Neben der Literatur ist es heute insbesondere die Filmwelt, die das Thema auf ihren zahllosen Bühnen variiert. Mit seltener Deutlichkeit tritt es – um ein Beispiel zu geben – in Robert Zemeckis’ Spielfilm Contact2 in Erscheinung.

Die Protagonistin der Geschichte, Astrophysikerin Dr. Eleanor Arroway, lauscht auf ihrer Suche nach Signalen fremder Intelligenz mit beinahe fanatischer Insistenz in die Tiefen die Alls hinaus. Als technikaffine Verkörperung eines streng faktenfixierten Rationalitätsideals dirigiert sie einen Park kolossaler Radioteleskope, der ihr eines Tages tatsächlich Zeichen von einem entfernten Stern zuleitet. Die Botschaft enthält den Bauplan für eine rätselhafte Maschine, von der angenommen wird, es handele sich um eine Art Transportsystem, mit dessen Hilfe man womöglich zu den Absendern des Signals gelangen könne. Dank kostspieliger internationaler Konstruktionsanstrengungen und trotz allerlei Unwegsamkeiten besteigt Dr. Arroway schließlich das imposante Gerät, um nach erfolgreicher Aktivierung wie von der Sehne geschleudert ins Ungewisse zu rasen. Als die Fahrt an ihrem Endpunkt angelangt zu sein scheint, blickt die Wissenschaftlerin hinaus auf das majestätisch durchglühte Großgebilde einer Galaxie. Ästhetisch überwältigt und fassungslos kommt ihr über die zitternden Lippen:

Some celestial event. No, no words. No words to describe it. Poetry! They should have sent a poet. So beautiful, beautiful. So beautiful, so beautiful. I had no idea. I had no idea.

Das Motiv sprachlichen Defizits und mangelnder Schöpfungskompetenz in diesen Dingen hätte unverkennbarer kaum in Szene gesetzt werden können. Doch diese Rangminderung erscheint noch vergleichsweise milde angesichts der Implikationen jenes »sie hätten sollen«. Denn im Kontext des Films bedeutet es mehr als den erzwungenen Verzicht auf gelungene Wortkreationen und kluge Begriffsbildungen, die der beispiellosen Erfahrung auf angemessene Weise Dauer hätten verleihen und unserem Verstehensbedürfnis hätten entgegenkommen können. Es ist das Eingeständnis einer Fehlbesetzung beim humanen Schlüsselereignis des sich anbahnenden Erstkontaktes. Die Einsicht der Physikerin lautet: Auf der hart errungenen Position des Menschheitsrepräsentanten befindet sich die falsche Figur.

In der zugespitzten Gegenüberstellung emblematischer Charaktere – wie das Filmbeispiel sie unternimmt – treten Eigenheiten und Wertungen hervor, deren Genese weit zurückreicht. Der Zugang über die ideengeschichtliche Frühzeit des modernen Technikers vermag darüber hinaus auch Aufschlüsse über einige Leitmotive zu geben. So verwundert es nicht, dass insbesondere dort, wo die neue Selbstauffassung autonomen Schöpfertums in besonderer Weise sich verdichtet, ein ›Ungenügen am Gegebenen‹ verbunden mit unstillbarer ›Neugier‹ zu den zentralen Beweggründen gezählt werden können.3 Darüber hinaus ragt unter den originären Selbst- und Weltbemächtigungstrieben das Motiv des ›Zeitgewinns‹ hervor. Hatte die frühe Neuzeit noch große Hoffnungen in ausgefeilte Techniken gesetzt, um durch künstliche Lebensverlängerung dem Bewusstsein der Endlichkeit zumindest moderat trostreiche Perspektiven zu eröffnen, so geriet dieses allzu ehrgeizige Vorhaben bald zugunsten des bescheideneren Ansinnens in den Hintergrund, die gegebene Frist mit attraktiven Erlebnisqualitäten anzureichern und von einigen Zumutungen des Daseins zu entlasten.4 Ohne Erwartung einer nennenswerten Ausdehnung der verfügbaren Spanne lässt sich ›Zeitgewinn‹ nur noch ersatzhalber realisieren als ›Zeitersparnis‹, um den Bereicherungswünschen innerhalb einer streng limitierten Lebensdauer entgegenzukommen. Es ist kaum zu übersehen und schwer zu leugnen, dass die technische Sphäre mit ihrer allgegenwärtigen Befreiungsrhetorik, ihren Automatisierungstendenzen und Schonungsversprechungen Ausdruck auch dieses Wunsches ist.

Im Verlust substantieller Ordnungen und in der Vermutung, dass die Natur nur blind und teilnahmslos ihren eigenen immanenten Gesetzen folge, dass man sich für die eigene Existenz auf sie also nicht verlassen könne, liegen wesentliche Voraussetzung für den neuzeitlichen Entwurf wissenschaftlich-technischer Weltbewältigung. Das Interesse an mentaler Grundverfassung und den Antrieben, denen die Realität der technischen Welt entwächst, erschließt allerdings noch nicht die zunehmende Eigenmacht einer Werkwelt, die mit immer lauteren Forderungen an uns herantritt, die unsere Lebensrhythmen taktet und in subtilen Prozessen unser Denken formt. Mit der wachsenden Mächtigkeit unserer Hervorbringungen wachsen deren Prägekräfte auch auf jene Motivationssphäre, der sie einmal entstiegen sind, um Zwecke zu erfüllen, die vorwiegend außerhalb des technischen Komplexes lagen. Anzeichen für diesen Zirkel mögen sich in einer Rangliste der häufigsten Beweggründe zu technischer Neuerung finden, die Hans Blumenberg – vermutlich in den 1960er Jahren – auf der Grundlage persönlicher Erfahrungen erstellt hat:

1. Befürchtung, daß ein anderer eher fertig wird
2. Ärger über Fehler an schon vorhandenen Systemen und Produkten
3. Terminzwang durch sachfremd gesetzte Fristen
4. anderen Leuten zeigen, daß man etwas kann
5. die elegante Lösung eines Problems
6. anderen Leuten zeigen, daß etwas möglich ist, was sie nicht für möglich halten
7. Zwang, die Rentabilität einer Fertigung zu retten
8. Lust an der Realisierung einer Idee.5

Obwohl eine solche Aufstellung mit Vorsicht zu genießen ist, bietet sie doch interessante Einsichten in die Motivrealität des hochgerüsteten homo faber. Zeigen die acht Punkte doch sehr schön, wie neben einer Mischung aus Konkurrenzdruck und persönlichem Geltungsbedürfnis der Zustand vorhandener Technik es ist, der den Entwicklungsimpetus bestimmt. Auch deutet sich an, wie die Maschinenwelt im Prozess ihres Fortschritts an Zweckcharakter gewinnt und so ihre Verbindlichkeiten ausbaut.

  1. Blumenberg, Nachahmung, S. 205.
  2. Contact. Regie: Zemeckis, Robert. Drehbuch: Hart, James V./Goldenberg, Michael. USA: South Side Amusement Company, 1997.
  3. Vgl. Blumenberg, Hans: Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt/M. 1966, S. 90 f.
  4. Vgl. Blumenberg, Hans: Dogmatische und rationale Analyse von Motivationen des technischen Fortschritts, in: Zeitschrift für Kulturphilosophie 7 (2013), S. 407–422, hier S. 417 f.
  5. Ebd., S. 414.

Gärten II

Von gedeihlichen Stunden in entrückten Grünanlagen handeln auch die Gespräche über die Vielzahl der Welten, mit denen der französische Frühaufklärer Bernard Le Bovier de Fontenelle im späten 17. Jahrhundert eine große Leserschaft erreicht.1

  1. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686), in: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119.