Prometheisches Programm

Die kommende Universität

Quid tibi vitandum praecipue existimes quaeris?
turbam.

Sen. epist.

Wie kann der Blick auf das Kommende gelingen, auf Ereignisse, Zustände und Entwicklungen, die nicht sind und einmal sein mögen? Im Gang der Zeiten haben die Bemühungen, auf dieses dunkle und unschiffbare Meer namens Zukunft hinauszuleuchten, ganz unterschiedliche Engagements der Vorausschau hervorgebracht. Vom antiken Offenbarungsspruch des Orakels über die Verkündigungen und Visionen im Umkreis der Prophetie sind auch die verschiedenen Spielarten der Seherei oftmals noch rückgebunden an die Auskunftsgunst einer höheren Instanz. Was aber, wenn diese Orientierungshilfe verstummt?

Für die Neuzeit verlieren transzendente Mitteilungen und bekannte Verlaufsmuster spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Wahrheits- und Vergewisserungsfunktion. Auf überweltliche Signale möchte sich die Moderne nicht mehr verlassen, und die gesicherte Wiederkehr immergleicher Szenarien verläuft sich in einen offenen, unvertrauten Horizont. In dieser permanenten Konfrontation mit dem Unbekannten werden »Erfahrung« und »Vernunft« zu den neuen Schlüsselbegriffen, mit deren Hilfe der Versuch eines autonomen Vorgriffs gelingen soll. Es schlägt die Stunde der Prognose, der nun die Aufgabe zukommt, das Bevorstehende prospektiv zu erschließen, um ein Richtmaß für gegenwärtiges Handeln zu bieten.

Zwar fand die neuzeitliche Prognostik ihr ursprüngliches Anwendungsgebiet in der Politik,1 doch tut man sich heute in den entsprechenden Fachbereichen generell schwer mit dem Problem der Antizipation. Ganz anders dagegen die Kollegen der naturwissenschaftlichen Abteilungen. Wer kennt sie nicht, die medientauglichen Wetterleute, die ihre Vorhersagen nicht zuletzt deshalb mit selbstbewusster Eloquenz vortragen können, weil sie wissen, dass ein Millionenpublikum tagtäglich die weitgehende Richtigkeit ihrer Äußerungen erleben kann. Doch wer sich auf die Menschenwelt einlässt, begibt sich in ganz andere Regionen als derjenige, der dem Geschehen um Sonne und Wind seine Gesetzmäßigkeiten ablauschen möchte. Für die rechner- und modellgestützte Auswertung von Messergebnissen im Teilchenzoo muss ein »Neinsagenkönner« (Max Scheler) zur ungeliebten Störgröße werden – ein frecher Puck, der plötzlich die Richtung ändert, weil er es sich ganz einfach anders überlegt hat. Die notorische Schwierigkeit bei der Prädiktion humaner Verhältnisse speist sich auch aus dieser Eigenschaft, die wir noch immer Freiheit nennen.

Die Institution »Universität« – und vertikale Edelmetaphern stehen dazu nicht im Widerspruch – hat ihren Sitz nirgendwo als inmitten dieser schwierigen Sphäre menschlicher Angelegenheiten, in deren turbulentem Spiel sie sich gestaltet. Wie also könnte es gelingen, ein Bild der kommenden Universität zu zeichnen? Sicher wäre eine möglichst detaillierte Kenntnis der gegenwärtigen Situation dafür genauso unverzichtbar wie die Rücksicht auf einen weiten Erfahrungsraum. Beides hat seine je eigenen Vorzüge, aber auch seine Defizite und Unwegsamkeiten. Denn während Formen, Verhältnisse und Abläufe nicht selten erst im zeitlichen Abstand erkennbar werden, verliert sich so manches Detail unwiederbringlich in der geschichtlichen Distanz. Auf der Fläche der praesentia hingegen treten uns – zum Preis der Übersicht – eher jene Nuancen, Stimmungen und Klimate entgegen, deren unmittelbare Originalität uns die historische Perspektive versagt.

Man mag einwenden, dass unserer zeitlichen Wirklichkeit mit einem geometrischen Vokabular von Räumen und Ebenen kaum angemessen beizukommen sei, da sich von der Exaktheit klinischer Separierung hier keine Spur finde. Denn unsere Zukunft ist – trotz der Einfallsmöglichkeit des Plötzlichen und Unerwarteten – in einem unbestimmbaren Maße immer auch in der Gegenwart inkarniert; und letztere bleibt stets rückgebunden an das, aus dem sie fortwährend wird. An den genannten Vor- und Nachteilen, durch die sich die jeweiligen Betrachtungsversuche von Gegenwart und Vergangenheit auszeichnen, ändert diese wechselseitige Durchdringung der Zeitformen jedoch grundsätzlich nichts.

Welchen Eindruck erweckt die Augenblickswahrnehmung unserer Zeit? Die Unfähigkeit zur erschöpfenden Synopse lässt mir nur den Versuch, Grundzüge einer Szenerie zu erfassen, die sich mir auf breiter Front monströs entgegenwölbt: grelle Frequenzanstiege, globale Chaotisierungstendenzen, wuchernde Verfügungsgewalt über technische Mittel, umfassende Entgrenzungsphänomene, permanenter Kriegszustand in bunten Bedrohungslandschaften – ein Antlitz in Schweiß auf den unsteten Pfaden eines unverständlichen Stückes von Unrast und Überflut. Ein völlig falsches Bild: helle Türme, an deren trotzigen Mauern die tosenden Wellenberge beständig sich brechen.

Einer beliebten Anekdote zufolge soll während Hegels Lehrtätigkeit an der Berliner Universität gelegentlich ein Türzettel dazu gedient haben, die Abwesenheit des Philosophen folgendermaßen zu erklären: »Die Vorlesung von Herrn Professor Hegel muss heute leider ausfallen, weil der Herr Professor mit dem Nachdenken noch nicht fertig geworden ist.« Uns interessiert hier nicht die Merkwürdigkeit, dass gerade Hegel dem geistigen Endprodukt den Vorzug gegenüber dem bewegten Prozess des Denkens gegeben haben soll. Es geht vielmehr darum, die universitäre Gegenwart einmal im Lichte dieser Schilderung zu betrachten.

In Betrieb: Hegel am Katheder


Man darf annehmen, dass eine solche Mitteilung im heutigen Universitätsalltag – nicht nur aufseiten der Studierenden – ein gehöriges Maß an Irritation und Unverständnis hervorriefe, vereinzelt womöglich auch den Ausbruch wutbürgerlicher Empörungstugend. Als Ursache solcher Reaktionen käme freilich nicht der Ausfall als solcher in Betracht, sondern die dafür vorgebrachte, als inakzeptabel aufgefasste Begründung. Denn in der überlieferten Notiz treten Prioritäten und Bewertungsmaßstäbe hervor, die mit der aktuellen Wirklichkeit der Universität nicht so recht zusammenstimmen wollen. Wir werden mit einem Lehrer konfrontiert, der die institutionellen Abläufe vorsätzlich verzögert; doch sein Motiv ist kein heimlicher Eigennutz, um vielleicht mit ein paar Stunden »Quality time« etwas für seine »Work-Life-Balance« zu tun, und auch Unfähigkeit oder Verhinderung durch Dritte kommen nicht in Frage. Offenbar handelt er deshalb so, weil die Sache und das ihr zugewandte Denken es sind, die eine solche Maßnahme erfordern. Über die Figur des Professors hinaus gerät damit auch jenes System in den Blick, innerhalb dessen er seiner Berufung nachgeht. Denn neben der Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen, zeugt die anekdotische Vorenthaltung zudem von der Möglichkeit, dies überhaupt tun zu können. Die implizite Rangfolge ist eindeutig: Der Philosoph provoziert den zeitweiligen Stillstand des Betriebes zugunsten des Denkens; und dieses Vorgehen ist deshalb legitim, weil es letztlich – und das ist die entscheidende Pointe – dem Anliegen ebenjenes Betriebes zugute kommt, dessen formale Hemmung hier in Kauf genommen werden muss.

Der Kontrast, der sich zwischen dieser Skizze und der institutionellen Realität unserer Tage abzeichnet, macht etwas bewusst, das sich nicht auf den Innenraum der Universität beschränkt: die schwindende Fähigkeit nämlich, Aufschübe, Verzögerungen und Stillstände nicht nur zu ertragen, sondern sie als bisweilen unumgängliche, ja sogar gedeihliche Momente zu begreifen. Die Gebote der Geschäftigkeit, der Vermehrung, der Steigerung, der raschen Innovation und des steten Wandels – sie dulden keine Unterbrechungen.

An dieser Stelle komme ich nicht umhin einzuräumen, dass ich der Versuchung, Voraussagen über die Zukunft der Universität zu machen, widerstehen werde. Die Resultate solcher Bemühungen werden von einer beständig anwachsenden Literatur präsentiert, deren Entwürfe entscheidend geprägt sind von den großen aktuellen Imperativen der Internationalisierung, der Technisierung, der Mobilität und Flexibilität. Darüber hinaus ist es insbesondere der kommerzielle Wettbewerb, in dem eine wesentliche Gestaltungsmacht der künftigen Universität gesehen wird, während sich das Selbstverständnis der Institution mehr und mehr dem eines Dienstleistungsunternehmens annähern werde.2 Die ausgearbeiteten Szenarien werden im Einzelfall mehr oder weniger plausibel sein und dürften aus verschiedenen Richtungen ganz unterschiedliche Bewertungen erfahren. Ich jedenfalls möchte hier kein weiteres Zukunftsbild danebenstellen. Denn es scheint mir sinnvoller, sich die Frage vorzulegen, was eigentlich auf dem Spiel steht, wenn von »der kommenden Universität« die Rede ist? Eine Vorstellung des Kommenden, aus der bloßen Beschreibung gegenwärtiger Paradigmen und Tendenzen gewonnen, bietet nichts, um den Launen der Zeit etwas entgegenzuhalten. Der Versuch einer klärenden Vergewisserung stellt hingegen eine Orientierung in Aussicht, und zwar an einer Idee, an einem Begriff von Universität, den es mit guten Gründen zu bewahren und zu verteidigen gälte. Statt uns also in den hastig stolpernden Vorwärtstritt einzureihen, bevorzugen wir den bedächtigen Schritt zur Seite, um uns auf beruhigtem Posten eine beinahe schon unzeitgemäße Haltung zu leisten: diejenige des sich Erinnernden.

Die Geschichte einer rund achthundertjährigen Institution ist ohne Zweifel von all den Wandlungen und Umbrüchen durchdrungen, die den Jahrhunderten ihre geistige Signatur verliehen haben. Doch zugleich zeichnet sich jener korporative Wissensverbund, der um das Jahr 1200 zunächst in Bologna und Paris als studium generale oder universitas in Erscheinung tritt, auch durch eine Beständigkeit aus, die es überhaupt erst erlaubt, von der Geschichte einer Institution zu sprechen. Zu den wesentlichen Merkmalen dieser Vereinigung gehört, dass es sich um eine Einrichtung der »Wissensbefassung höchsten Niveaus« handelt, in der Lehrende und Lernende eine »Bildungszweckgemeinschaft«3 eingehen. Was ihren ideellen Kern jedoch zuallererst bestimmt, ist ein Autonomiegedanke von respektabler Dauerhaftigkeit.

Ihre Anfänge nahm die familia universitatis in Form von Rechtsschulen, die sich im Zuge juristischer Kontroversen zwischen Kaisertum, Papsttum und städtischem Bürgertum im Bologna des frühen 11. Jahrhunderts konstituiert hatten. Was diese Zusammenschlüsse von Beginn an auszeichnet, ist ihre Ausstattung mit verschiedenen Privilegien und Selbstbestimmungsrechten, kraft derer sie gegenüber den regionalen geistlichen und politischen Kräften eine nennenswerte Unabhängigkeit besaßen.4 Es ist dieses Selbstbestimmungsprinzip, das heute als grundgesetzlich verbriefte Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre in Geltung ist und einen unveräußerlichen Bestandteil der Universität ausmacht.

Dennoch sollte man sich hüten, hier in allzu leuchtenden Farben zu malen. Immer schon war die Korporation aus Studierenden und Gelehrten auf externe Stellen angewiesen; immer wieder ist ihre Autonomie eingeschränkt, korrumpiert und bezwungen worden durch religiöse, politische, ideologische und ökonomische Vereinnahmung. Und ebenso ist der Kontinuitätsaspekt mit einiger Vorsicht zu genießen, da die universitäre Lehr- und Lerngemeinschaft immer auch das wandelbare signum menschlicher Selbst- und Weltverhältnisse trägt. So kann eine freie und kritische Intellektualität aufklärerischen Typs den mittelalterlichen universitates sicher nicht unterstellt werden. Statt dessen entfaltete sich das Denken im verbindlichen Horizont religiöser Ordnung. Geringzuschätzen sind jene geistigen Anstrengungen deshalb aber nicht, denn sie können als Unternehmungen gelten, die ihre zeitspezifischen Möglichkeiten ausschöpften.

Der Werdegang der Universität ist – wie gesagt – auf das engste verflochten mit den großen abendländischen Kapiteln und ihren wechselnden Paradigmen des Weltbegreifens. Als vielleicht gravierendste Umwälzung der Geisteslage ist die allmähliche Aufhebung von Sakralverhältnissen, die sich am Übergang vom Spätmittelalter zur Neuzeit zu vollziehen beginnt, auch und gerade für die Wissenschaft und deren Selbstverständnis kaum zu überschätzen. »Ordnungsschwund und Selbstbehauptung«5 kennzeichnen hier einen Prozess, in dem erstmals die Eigenwelt des Menschen aus ihrer höheren Verklammerung hervortritt. Renaissance, Reformation und Revolution – all diese Epochen mit ihren Entwicklungen, Stilen und Ereignissen haben die Universität nicht nur geprägt, sondern als Ort höheren Wissens war sie an der Gestaltung ihrer Zeit stets auch aktiv beteiligt.

Die moderne Universität, die im Geiste der Humboldtschen Reformpolitik 1810 in Berlin gegründet wurde, hatte ihren entscheidenden Wegweiser in einer Spätschrift Kants gefunden. Mit dem 1798 veröffentlichten Streit der Fakultäten kehrt der Autor eine hergebrachte Rangfolge um, indem er die Philosophische Fakultät nicht mehr lediglich als Vorbereitung für die höheren Fakultäten begreift, sondern sie erstmals zur obersten reflektierenden Instanz erhebt, die auch die wissenschaftlichen Methodiken von Theologie, Jurisprudenz und Medizin kritischen Betrachtungen unterzieht. Damit ist es die Erbin der artes liberales, die zum eigenständigen Zentrum der Universität wird und der allein es vorbehalten ist, »als frei und nur unter der Gesetzgebung der Vernunft, nicht der der Regierung stehend gedacht werden zu müssen.«6 Von dem Privileg der uneingeschränkten kritischen Prüfung, das Kant »in Absicht auf den Vorteil der Wissenschaften«7 einfordert, profitierten letztlich auch die ›höheren‹ Abteilungen, indem sie durch ebendiesen Vorteil »selbst besser belehrt«8 würden.

Zurückgenommene Vigilanz: Humboldt-Denkmal vor der HU zu Berlin


Der Grundsatz geistiger Unabhängigkeit durchzieht sämtliche große Schriften, die im Anschluss an Kants Stellungnahme verfasst worden sind. So verteidigt Schelling in seinen Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums das ungebundene Denken gegen die Vormacht der Nützlichkeit und beschwört »das Leben der Ideen und die freieste wissenschaftliche Bewegung«.9 Fichtes vehementes Eintreten für die »Geistesfreiheit«10 findet sich ebenso in Schleiermachers Plädoyer für die »Temperatur einer völligen Freiheit des Geistes«, der selbst »die mindeste Spur von Zwang, jede noch so leise bewusste Einwirkung einer äußeren Autorität«11 zum Schaden sei. Und auch Humboldt findet deutliche Worte zur Charakterisierung dieser hohen Schule, in deren Kreise »Einsamkeit und Freiheit die […] vorwaltenden Principien«12 seien.

Das Motiv geistiger Autonomie ist von bestechender Konstanz, und die Anzahl der Beispiele, in denen es angemahnt wird, ließe sich beliebig vermehren. Es zeigt sich noch in Nietzsches polemischer Entgegensetzung von »Anstalten der Bildung und Anstalten der Lebensnoth«13 und wird um die Mitte des 20. Jahrhunderts auch im Frankfurter Raum eindringlich zur Geltung gebracht. Horkheimers emphatische Bekenntnisse zur intellektuellen Nonkonformität etwa sowie seine Auflehnung gegen die »Verkehrung des Studiums in die eilige Vorbereitung zur Karrieremacherei« sind allesamt getragen von der Hoffnung auf die Universität als einer »Schule der Freiheit«.14 Immer wieder geht es um eine selbstbestimmte Geistigkeit, auf die zu insistieren auch Adorno nicht müde wird. Denn »[i]n der Unfähigkeit des Gedankens, sich zu erheben, lauert bereits das Potential, sich einzugliedern und irgendeiner Autorität so sich zu unterwerfen«.15 Und wenn Habermas für die Universität wenige Jahre darauf einen »unverletzbare[n] Produktivitätsspielraum individueller Unabhängigkeit und Selbstverantwortung«16 verlangt, dann geht es im Kern noch immer um die Abwendung des bedrohlichen Szenarios mentaler Kapitulation.

Mit dem Ausdruck der ›Unbedingtheit‹ hat sich vor einigen Jahren auch Derrida zu dem Thema positioniert. Seine Forderung nach der ›unbedingten Universität‹ als einem Ort, »an dem nichts außer Frage steht«17, zielt durchaus auf das traditionelle Ideal dieser Institution: »grundsätzlich mit einer souveränen Autonomie, einer unbedingten Freiheit ihrer Einrichtung ausgestattet, souverän in ihrer Rede, ihrem Denken, ihrer Schrift.«18 Bemerkenswert ist hier, dass sich der so außerordentlich polarisierende Autor zur aufklärerischen Tradition bekennt19 und im »Interesse eines auf Wahrheit gerichteten Forschens, Wissens und Fragens«20 das Anliegen bekräftigt, einen »konservativen und humanistischen Begriff« der Humanities »um jeden Preis zu verteidigen«.21 Außerdem gibt der Text einen Derrida zu erkennen, der in seinen späten Jahren auf Bezirke hinweist, die sich dem dekonstruktiven Zugriff entziehen22 bzw. vor diesem geschützt werden sollten. Anders gesagt: Der Vater der Dekonstruktion nimmt seinen Zögling an die Leine, um ihn in den Dienst »eines höheren Gesetzes und einer Gerechtigkeit des Denkens«23 zu stellen. Für die Idee der ›unbedingten Universität‹ bedeutet dies, dass das freie Denken dasjenige Prinzip, dem es seine ungezwungene Bewegung überhaupt erst verdankt, nicht preisgeben darf: den Grundsatz der Autonomie und Freiheit selbst. Eine kritische Betätigung hingegen, die ihr destruktives Werk auch noch an dieser Voraussetzung und damit am Unabhängigkeitsanspruch der Universität vollführte, gefährdete sich selbst, da sie ihr eigenes Fundament zersetzte.

Die Antwort auf die Frage, was also bei Heraufkunft der kommenden Universität in Gefahr ist, liegt nun recht deutlich vor uns. Sie mag zunächst nicht sonderlich originell erscheinen. Muss sie auch nicht. Den raschen Effekt hat sie nicht nötig. Denn so einfach sie formulierbar ist, so abgründig bleibt sie doch.

Immer schon war die Universität eine Anstalt auch zur Erfüllung praktischer Zwecke. Als Bildungsstätte für Geistliche, Mediziner, Juristen oder Ingenieure beschränkte sie sich zu keiner Zeit auf eine abstrakte Gelehrsamkeit. Doch was diese Einrichtung, spätestens seit ihrer modernen Reform, eben auch auszeichnet, ist der Anspruch, nicht nur eine enzyklopädische Gesamtheit des Wissens zu repräsentieren, sondern darüber hinaus eine Reflexionsinstanz zu beherbergen, die nicht in der Summe fachspezifischer Perspektiven aufgeht.

Vor der Idee der universitas kristallisiert sich also kein religiöses Zentrum, keine Schule für den höheren Staatsdienst, keine Organisation zur Lösung von Problemen der technischen Weltformung und auch keine Agentur zur Bereitstellung leistungsorientierter Marktteilnehmer. Was sich hier gestaltet bzw. gestalten sollte, ist eine Feste des mündigen, selbstbestimmten Denkens, jener beruhigte Posten, auf dem der Versuch möglich wird, sich den Zudringlichkeiten des Tages, den Formen des Zeitgeistes mit ihren Moden, Selbstverständlichkeiten und Fehlentwürfen ein Stück weit zu entziehen. Diese Distanzierung, die unübersehbar der Einstellung der antiken theoría verbunden bleibt, wird jedoch nicht durch die Absicht motiviert, die Flucht in entlegene Reservate anzutreten, sondern – ganz im Gegenteil – durch ein besonderes Interesse am Geschehen. Denn erst ein solcher Kunstgriff versetzt in die Lage, sich der Betrachtung der Dinge zu widmen, ohne ihrer Zudringlichkeit und Penetranz direkt ausgesetzt zu sein. Als Aufschrift für das Banner, das über dem Portal der Universität als einem Ort (provisorisch) gewonnener Erkenntnis, genährten Zweifels, geübter Geduld, gebildeter Urteile und fortgesetzter Infragestellung wehen soll, empfiehlt sich daher ein Wort von schlagend schlichter Prägnanz: »Stop and think«.24

Es ist kaum zu leugnen, dass diese Idee von Universität im realen Betrieb immer trüber aufscheint. Ob der Ernst der Lage damit auch ein unvergleichliches, nie dagewesenes Maß erreicht hat, vermag ich jedoch nicht zu beurteilen. Mangel an Bedrohungsszenarien herrschte zu keiner Zeit. Genau genommen steht eine solche Position, die ich hier im unvermeidbar selektiven Rückgriff auf einige Bestände zu skizzieren versucht habe, immer auf dem Spiel, denn sie ist von hoher Fragilität und niemals selbstverständlich. Eine Institution kann unter gleichem Namen und unter wechselnden Herren gelassen durch die Zeiten kommen; »Das wahre Denken aber ist immer gefährdet u gefährlich.«25

Aktuell werden die Bedrohungen besonders in Zusammenhang mit einer erneuten Hochschulreform ausgemacht, die sich seit den späten 1990er Jahren mit dem Namen des alten Gründungsortes Bologna ziert. Auch hierzu existiert eine breite und vielstimmige Diskussion, in der analytische und polemische Schärfe teils eng beieinander liegen. Im Zentrum der Beobachtungen und Angriffe steht meist die »Transformation von Universitäten in strategisch operierende Unternehmen«26 bzw. der Umbau der Alma Mater zur »ökonomisierten Fach- und Projektuniversität«27 und damit die Ausweitung des »Gesetz[es] der Kapitalrendite […] auf die Arbeit des Geistes insgesamt«.28 Infolge dieser Unterwerfung unter die Hegemonie ökonomischer Effizienzkriterien und der Kapitulation vor dem begrenzt wissenschaftsfreundlichen Paradigma der Verwertbarkeit bleibe den jungen Köpfen schließlich nur der Trott in die »Wissensdressur zur Unmündigkeit« auf einer »willfährigen Berufsschule für die höheren Einkommensgruppen«.29

Visualisierte Marktlaunen


Man ist gut beraten, sich an der Bissigkeit solcher Einlassungen nicht über deren Sachgehalt zu täuschen. Der anwendungsorientierte ›Wissensgenerator‹ Universität ist längst als ein entscheidender Akteur auf dem Feld des wirtschaftlichen Wachstums etabliert. Dass dieser businessmäßige Tendenzbetrieb sich einem positivistischen spirit ergeben muss, liegt in der Eigenlogik des betretenen Terrains. Und so sind auch der Hang zur Marginalisierung all dessen, was nicht quantifizierbar ist, sowie ein skurriler Kennziffernglaube nur die Konsequenzen jener Ausrichtung.

Vor diesem Hintergrund wird zudem der Relevanzgewinn ein Stück weit verständlich, den die moderne und modernste Technik auch in der Philosophischen Fakultät verzeichnet. Abermals zeigt sich eine allgemeine, umfassende Tendenz dieser Tage: Die Verdrahtung unseres Daseins, deren Vorrücken über weite Strecken von Optimierungsphantasien, Entlastungslügen und Befreiungssuggestionen begleitet wird, erstreckt sich zunehmend auch auf den universitären Verbund. Während eine euphorisierte Phraseologie à la »In den Daten steckt die Wahrheit«30 aus der Tagespresse inzwischen sattsam bekannt ist, mögen ähnliche Grillen aus dem Bereich von Studium und Lehre bisweilen noch irritieren. Ich möchte der geneigten Leserin wie dem geneigten Leser an dieser Stelle eine Kostprobe zumuten:

Mit der Einführung hybrider Lehransätze in Hochschulen verlagern sich Lernaktivitäten zunehmend in Online-Umgebungen. Ausgereifte Webtracking-Tools können in diesen Umgebungen die Aktivitäten der Studierenden genau nachverfolgen, indem sie Variablen wie die Anzahl von Klicks und die Verweilzeit auf einer Seite aufzeichnen, ebenso wie nuanciertere Informationen, z.B. Ausdauervermögen, Verinnerlichung von Konzepten und kritisches Denken. Die Einbeziehung verhaltensspezifischer Daten lässt die stetig wachsende Ansammlung studierendenbezogener Informationen noch umfangreicher werden, wodurch die Analyse von Lerndaten immer komplexer wird. […]
Quantified-Self-Technologien bieten die entsprechenden Apps, Wearables und Cloud-basierten Services, die den Prozess des Datensammelns erheblich erleichtern. […] Wenn man die über Learning Analytics gewonnenen Prüfungsergebnisse und Lernverhaltensdaten mit solchen Lebensführungsinformationen kombinieren könnte, könnten diese großen Datensätze aufzeigen, wie veränderte Lebensumstände das Lernergebnis verbessern.31

Einer verstockten Fortschritts- und Technikfeindlichkeit soll hier keinesfalls das Wort geredet werden. Wenn aber an derartigen Visionen, die längst in die Wirklichkeit drängen, nicht wenigstens ein leises Unbehagen sich noch meldet, können wir ebensogut das Licht ausmachen und zum großen Feierabend schreiten.

Schillernde Metapher: Das »Netz« als Schreckbild und Hoffnungsträger


Es liegt auf der Hand, dass die traditionelle Universität dem hier angezeigten Kurs nicht bekömmlich ist und dass ihre Umgestaltung deshalb rasch vorangetrieben werden muss. Wir betrachten die Geburt der data driven university, einer smart normierten Lernfabrik. Das Wissen kann man sich in jeder Filiale zielgruppengerecht aufbereitet und portioniert servieren lassen, am Stück, in Scheiben oder in lustige bunte Förmchen verpackt – auch to go. Aber bitte nicht stehenbleiben oder nachfragen, das wirkt sich negativ auf das eigene Profil aus und verzögert überdies den Gesamtablauf.
Fassen wir uns – – – – – – –

Verlassen wanken wir in den Wirrnissen der sich uns unablässig aus dem Dunkel entgegenwälzenden Brandung. Ohne Leitstern auf einem schmal erhellten Küstenstreifen, das Hinterland in der Dämmerung versinkend.
Wenn dies unsere Lage ist, was bleibt uns anderes, als helle Türme zu errichten?

Freilich erklimmen wir keine absolute Warte. Wohl aber gewinnen wir Reflexionsinstanzen für die endlose Herausforderung, uns als wache und freie Gestalter des eignen Daseins zu bewähren. In der anderen Richtung liegt die Matrix, ein heteronomer Dämmerschlaf in zahllosen Gewändern: ob in triebumgrenzten Sphären animalischer Existenz, unter den Direktiven von Ideologien und Dogmenkatalogen oder in den Fängen eines planetarischen Siliciumwaldes, stets entwirft er ein Gegenbild zum exzentrischen Projekt humaner Selbstauslegung. Für diese verwegene Unternehmung mit ihren Chancen und Zumutungen bedarf es freigestellter Einrichtungen, die ihre Herausforderungen, ihre Gegenstände und Themen eigenständig identifizieren, die sich also nicht diktieren lassen müssen, was als Problem zu gelten habe und wie dies anzugehen sei. Jegliche Okkupation und paradigmatische Engführung muss als törichte Selbstberaubung an Einsichten, Möglichkeiten und Alternativen entlarvt werden.

Um all das nicht bloß in weltferner Abgeschiedenheit zu exerzieren, sondern es vielmehr in aufklärerischer Absicht auszuüben, ist die Universität das Modell ohne aktuell nennenswerte Alternative. Sie ist auch der Ort, an dem unser geistiges Erbe wachgehalten und der Erinnerung zugänglich gemacht werden muss, bevor wir einmal vergessen mögen, was eigentlich auf dem Spiel stand.

  1. Vgl. Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 1989, S. 28 ff.
  2. Zur Vorstellung dieser Zukunftsszenarien vgl. folgende kleine Auswahl aus der verfügbaren Literatur:

    Bensel, Norbert/Weiler, Hans N.: Hochschulen für das 21. Jahrhundert. Zwischen Markt, Staat und Eigenverantwortung. Ein hochschulpolitisches Memorandum im Rahmen der „Initiative D21“, in: Bensel, Norbert u.a. (Hrsg.), Hochschulen, Studienreform und Arbeitsmärkte. Voraussetzungen erfolgreicher Beschäftigungs- und Hochschulpolitik, Bielefeld 2003, S. 253–283.

    Johnson, L. u.a.: NMC Horizon Report: 2014 Higher Education Edition. Deutsche Ausgabe, Austin 2014. Online verfügbar unter (letzter Zugriff am 13.08.2015): https://www.mmkh.de/fileadmin/dokumente/Publikationen/2014-Horizon-Report-HE_German.pdf

    Universität der Zukunft. Eine Vision. Handlungs- und Ordnungsprinzipien für Universitätsinstitutionen in Deutschland. Eine Studie der TUM-Tech GmbH München im Auftrag der Degussa AG, 2003. Online verfügbar unter (letzter Zugriff am 13.08.2015): http://www.tumtech.de/uploads/pdfs/studie_universitaet_der_zukunft.pdf

    Winter, Martin u.a.: Entwicklungen im deutschen Studiensystem. Analysen zu Studienangebot, Studienplatzvergabe, Studienwerbung und Studienkapazität (HoF-Arbeitsbericht 7/2012), Halle-Wittenberg 2012.

    Wissenschaftsrat: Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems, Braunschweig 2013. Online verfügbar unter (letzter Zugriff am 13.08.2015): http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/3228-13.pdf

  3. Weber, Wolfgang E. J.: Geschichte der europäischen Universität. Stuttgart 2002, S. 9, 16.
  4. Vgl. ebd. sowie Verger, Jacques: Grundlagen, in: Rüegg, Walter (Hrsg.), Geschichte der Universität in Europa, Bd. I, Mittelalter, München 1993, S. 49–80, hier S. 49.
  5. Blumenberg, Hans: Geistesgeschichte der Technik. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Alexander Schmitz und Bernd Stiegler, Frankfurt/M. 2009, S. 106.
  6. Kant, Immanuel: Der Streit der Fakultäten. Auf Grund des Textes der Berliner Akademie-Ausgabe mit einer Einleitung und Registern neu herausgegeben von Klaus Reich, Hamburg 1959, S. 20 f.
  7. Ebd., S. 21.
  8. Ebd., S. 22.
  9. Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph.: Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums (1802), in: Die Idee der deutschen Universität. Die fünf Grundschriften aus der Zeit ihrer Neubegründung durch klassischen Idealismus und romantischen Realismus, Darmstadt 1956, S. 1–123, hier S. 17.
  10. Fichte, Johann Gottlieb: Deduzierter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höhern Lehranstalt, die in gehöriger Verbindung mit einer Akademie der Wissenschaften stehe (1807), in: Die Idee der deutschen Universität, Darmstadt 1956, S. 125–217, hier S. 217.
  11. Schleiermacher, Friedrich: Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn, nebst einem Anhang über eine neu zu errichtende (1808), in: Die Idee der deutschen Universität, Darmstadt 1956, S. 219–308, hier S. 276, 277.
  12. Humboldt, Wilhelm von: Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin (1810), in: Die Idee der deutschen Universität, Darmstadt 1956, S. 375–386, hier S. 377.
  13. Nietzsche, Friedrich: Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Sechs öffentliche Vorträge, in: ders., Sämtliche Werke. KSA in 15 Bänden, Bd. I, hrsg. v. Colli, Giorgio/Montinari, Mazzino, München 1999, S. 641–752, hier S. 717.
  14. Horkheimer, Max: Universität und Studium, in: Gesammelte Schriften, hrsg. v. Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr, Bd. 8, Vorträge und Aufzeichnungen 1949–1973, Frankfurt/M. 1985, S. 361–453, hier S. 376, 426.
  15. Adorno, Theodor W.: Philosophie und Lehrer, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M. 1970, S. 30–51, hier S. 49.
  16. Habermas, Jürgen: Demokratisierung der Hochschule – Politisierung der Wissenschaft?, in: ders., Theorie und Praxis, Frankfurt/M. 1963, S. 376–385, hier S. 385.
  17. Derrida, Jacques: Die unbedingte Universität. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer, Frankfurt/M., 4. Aufl., 2012, S. 14.
  18. Ebd., S. 33.
  19. Vgl. ebd., S. 14 f.
  20. Ebd., S. 10.
  21. Ebd., S. 20.
  22. Vgl. auch Derrida, Jacques: Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der Autorität«, Frankfurt/M. 1991, S. 30 f.
  23. Derrida, Universität, S. 20.
  24. Konersmann, Ralf: Die Unruhe der Welt, Frankfurt/M. 2015, S. 30.
  25. Benn, Gottfried: Briefe an F. W. Oelze, Erster Band, hrsg. v. Harald Steinhagen und Jürgen Schröder, Frankfurt/M. 1986, S. 28.
  26. Münch, Richard: Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der Hochschulreform, Berlin 2011, S. 16.
  27. Weber, Geschichte der europäischen Universität, S. 236.
  28. Prado, Plínio: Das Prinzip Universität, Zürich 2010, S. 5.
  29. Brandt, Reinhard: Wozu noch Universitäten? Ein Essay, Hamburg 2011, S. 15, 159. Zu den ursprünglichen Absichten und tatsächlichen Folgen des Bologna-Prozesses vgl. außerdem Nida-Rümelin, Julian: Zur Aktualität der humanistischen Universitätsidee, in: Horst, Johanna-Charlotte u.a (Hrsg.), Unbedingte Universitäten. Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universität, Zürich 2010, S. 121–138.
  30. Giersberg, Georg: Die Digitalisierung reißt Branchengrenzen nieder, in: FAZ (2015), Nr. 149, S. H 1. Bei dem Zitat handelt es sich um die von Giersberg wohlwollend wiedergegebene Äußerung eines Mitarbeiters einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.
  31. Johnson, L. u.a.: NMC Horizon Report: 2014 Higher Education Edition. Deutsche Ausgabe, Austin 2014, S. 52, 60 f.

Gärten II

Von gedeihlichen Stunden in entrückten Grünanlagen handeln auch die Gespräche über die Vielzahl der Welten, mit denen der französische Frühaufklärer Bernard Le Bovier de Fontenelle im späten 17. Jahrhundert eine große Leserschaft erreicht.1

  1. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686), in: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119.