Prometheisches Programm

Schlechtes Wetter

Von den populärsten Gefälligkeitserzählungen, die bis vor kurzem das Internet schmückten, sind kaum mehr als gedämpfte Hoffnungsreste geblieben. Auf freudige Emanzipationserwartungen folgte die Einsicht, dass auch politische Machthaber und Unterdrücker die technischen Mittel für ihre Zwecke zu nutzen wissen. Die Vorfreude auf umfassende Teilhabe wurde von neuen Ausgrenzungen ernüchtert, und der Glaube an nie dagewesene Bildungseffekte starb vor den zahllosen Schauseiten geistiger Finsternis. Zwar werden gallige Dämonisierungsgesten der Sache nicht gerecht, doch zur inzwischen weithin bekannten Wahrheit gehört eben auch, dass das »Netz« über weite Strecken in verstörenden Sudelgruben und kotigen Blutlachen hängt.
Obwohl der Ausbau zur Wertschöpfungsmaschine das vordringlichere Thema geworden ist, hat das weltweite Leitungssystem seinen aufklärerischen Anspruch in Teilen bewahrt. Umso bemerkenswerter ist, wie sehr ein seit langem geläufiges Bildprogramm einer Idee von Enlightenment entgegensteht.

Frontispiz Wolff

Frühaufklärerische Erwartungshaltung: Frontispiz zu Christian Wolffs “Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt” (1720)

Auch in jenen Tagen, als der Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zum Leitspruch gemünzt wurde, war es die Meteorologie, die dem ›Zeitalter der Vernunft‹ zu seiner Selbstvergewisserung passendes Vokabular und eine angemessene Schönwetterästhetik lieferte. Die Internetsprache bedient sich heute auf demselben Gebiet, greift interessanterweise jedoch in die andere Richtung: Ausgerechnet eine Reihe von Verdunkelungsphänomenen ist es, die dem Verständnis der eigenen Besonderheiten dienen soll.

Da ist beispielsweise der Sturm, eine Art pseudomoralisch motivierter Empörungsentladung. Er zieht für gewöhnlich in der etwas unappetitlichen Variante des shitstorms auf und tobt für einige Stunden durch den digitalen Äther, um die hässlich befleckten Adressaten in die soziale Ächtung zu drücken.

Wenn es mehr um die technischen Strukturen geht, ist die Cloud ganz vorn dabei. Im hiesigen Sprachraum auch Rechnerwolke oder Datenwolke genannt, hebt sie auf den Sachverhalt ab, dass von einem lokalen Rechner aus auf IT-Infrastrukturen zugegriffen werden kann, die auf dem Gerät selbst nicht vorhanden sind. Diese Distanz, die sich zwischen Nutzungszugang und beanspruchten Ressourcen auftut, wird vom Wolkenbild treffend zum Ausdruck gebracht. Es zeigt eine entrückte Großerscheinung, die – insbesondere in ihrer Cumulusform – bei aller Schwerelosigkeit noch die dynamische Gewalt erahnen lässt, mit der hinter fernen Dunstschleiern zu rechnen ist. Allem Trübungspotential zum Trotz bleibt auch on a cloudy day noch Raum für heitere Sonnenstunden unter blauem Himmel, die Schäfchen ziehen mit einem Hauch von Rätsel über alle Grenzen in der lauen Brise dahin, watteweich, alles sehr hübsch.

Auf völlig andere Weise tritt die Cloud außerdem dort in Erscheinung, wo die feine Aura der Immaterialität vor analogen, gänzlich unmetaphorischen Schattenseiten des Internets erlischt: Über den Kohlekraftwerken, die den gigantischen Strombedarf riesenhafter Rechenzentren decken sollen, oder hinterm Auspuff haushoher Dieselmotoren, die den Betrieb dieser festungsähnlichen Data Center im energetischen Notfall gewährleisten und dank regelmäßiger Testläufe für verlässliche Emissionswerte sorgen.

Nun scheint es jedoch, als gerate das Wolkenmodell mit der ständigen Ausweitung der Zugriffsmatrix an die Grenzen seiner Tauglichkeit. Denn bei der fortlaufenden Totalvernetzung zum »Internet of Everything« (vor kurzem noch »Internet of Things«) mit ihren permanent sich steigernden Generierungsfrequenzen fallen inzwischen Datenmengen an, deren Bewältigung andere technische Strukturen erfordert. Statt die anfallenden Informationen in entfernte Speicherzentren zu leiten, sollen sie im physischen Umkreis ihrer Erhebung bleiben, in lokalen Einheiten dezentral gelagert und kundennah verteilt.
Die neue Realgestalt motivierte die digitalen Lokführer unlängst zum erneuten Griff ins antiaufklärerische Bildreservoir: Mit dem Aufzug des Fog-Computing findet auch die rhetorische Figur ihre plausible Umgestaltung. Aus dem Abstand zur Sache, der noch die Möglichkeit temporärer Erhellung eröffnete, ist dichte Unmittelbarkeit geworden, deren Opazität nur noch durch den Einbruch der Nacht zu steigern wäre.

Für die Einschätzung, dass das Weltnetz als Schlechtwettertechnik zur Unmündigkeit inszeniert wird, braucht es kein Übermaß an Gehässigkeit, zumal vom sogenannten Darknet überhaupt noch nicht die Rede war. Bewölkungen, Fäkalienstürme, Vernebelungen, dazwischen Brandmauern, Trolle, Übergriffe – ein wenig behagliches Gelände.
Warum diese Düsternis, und wo ist die Gegenästhetik? Besteht hier eine beklagenswerte Leerstelle oder wäre sie dem Netz schlicht unangemessen?

Gärten II

Von gedeihlichen Stunden in entrückten Grünanlagen handeln auch die Gespräche über die Vielzahl der Welten, mit denen der französische Frühaufklärer Bernard Le Bovier de Fontenelle im späten 17. Jahrhundert eine große Leserschaft erreicht.1

  1. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686), in: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119.