Prometheisches Programm

Sturz nach vorn V

Das System progressiver Naturbeherrschung, für das seit dem späten 18. Jahrhundert der Ausdruck ›Fortschritt‹ üblich ist, entsteigt teils jener mentalen Gemengelage, die wir soeben mit ihren Verlusten, neuen Antrieben und veränderten Selbstdeutungen zu skizzieren versucht haben. Seine Verstrickungen reichen darüber hinaus in die objektiven technischen Strukturen, die ihre eigenen sachlichen Notwendigkeiten stets miterzeugen, sowie nicht zuletzt in die Großgebiete der Ökonomie und des Rechts.1

Für den Gang des technischen Fortschritts spielen selbstverstärkende Prozesse eine entscheidende Rolle. Was der Soziologe Robert K. Merton – in Zusammenhang mit der Zitationspraxis bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen und unter Rückgriff auf einen Vers des gleichnamigen Evangeliums – den »Matthäus-Effekt« genannt hat, gilt als Attraktionsprinzip bestehender Substanz auch für die modernen Entwicklungsgänge technischer Progression. Der Quellentext wirkt so wie eine Mustervorlage aus dem 1. Jahrhundert, mit der die heutige Wachstumslogik bündig vorweggenommen wird: »Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.« (Mt 25,29)2 Was hier treffsicher zum Ausdruck kommt, ist die Dynamik eines rückgekoppelten Mechanismus, dessen Funktionszusammenhang permanent neue Energien heranzieht und fortlaufend integriert. Auf unser Thema gewendet, bedeutet dies, dass das Herstellungs- und Innovationsgeschehen in entscheidender Weise durch den vorhandenen Technisierungsgrad bestimmt wird. Es zeigt sich der Zwangscharakter eines Systems, das der Hoffnung auf den ganz anderen Weg wenig Raum lässt.

Einer gängigen These zufolge sei der technische Fortschritt vor allem deshalb ohne Alternative, weil es nur mit seiner Hilfe gelingen könne, all die Folgelasten und Probleme zu bewältigen, die er selbst erzeuge.3 Die unbeabsichtigten und missliebigen ›Nebenprodukte‹ bisheriger Entwicklungen seien einzig durch die Anstrengungen weiteren Fortschritts zu verkraften. Es sei also die Fähigkeit zu autogener Prozesstabilisierung, welche die technische Welt vor dem Übergewicht jener Konsequenzen bewahre, die im Lichte unserer Absichten und Bedürfnisse als Irrwege und Fehler erschienen.

Vielleicht ist es gerade dem Beruhigungseffekt dieser Gedankenfigur geschuldet, dass es an Zweiflern nie gemangelt hat. Denn selbst wenn die Alternativlosigkeit des Prinzips ›Fortschritt‹ zugestanden wird, muss die Annahme langfristig gelingender Selbstregulation keineswegs uneingeschränkt geteilt werden. Einen solchen Fundamentalpessimismus hat jüngst Peter Sloterdijk angedeutet mit dem großformatigen Umriss eines ›zivilisationsdynamischen Grundgesetzes‹, »wonach durch den aktuellen modus vivendi unvermeidlich mehr unvorhersehbare Energien, mehr unbekannte Unruhen und mehr neuartige Störungen der bestehenden Ordnung freigesetzt werden, als diese mit ihren bordeigenen Mitteln unter Kontrolle bringen kann.«4 Die unheilvoll-spekulative Mitteilung bringt die Möglichkeit zur Geltung, dass der technische Fortschritt zwar das einzige, nicht aber das geeignete Mittel zur Bewältigung seiner selbst sein könnte, da sein Preis auf Dauer zu hoch wäre, um durch die Summe an Innovationen aufgebracht werden zu können.

Gleichwohl erlangt eine solche Überlegung – so sinnvoll es sein kann, sie anzustellen – keine Relevanz in praktischer Hinsicht. Der technisch induzierte Kollaps, dem mit technischen Mitteln nicht mehr beizukommen wäre, liegt außerhalb des Kompetenzbereiches jener, die ihn herbeizuführen in der Lage wären. Womöglich ist dieses Szenario im Horizont technischer Entwicklungstätigkeit überhaupt fehl am Platz, da es lähmende Entmutigungen nähren könnte, von denen man nie wüsste, ob man sie überhaupt hätte aufkommen lassen müssen. Für den Fall des Scheiterns der technischen Welt liegen keine Alternativen bereit, keine alten Kosmen, die beliebig Renaissance haben könnten.

Eine der größten Zumutungen des Fortschritts liegt sicherlich im Vollendungsverzicht. Die Entwicklungslogik stellt eine Zielposition, an der alles wohleingerichtet da wäre, niemals auch nur in Aussicht. Sie verlangt statt dessen nach steter Überbietung und findet ihren paradoxen Dauerzustand in der Vorläufigkeit, auf unüberbrückbarer Distanz zum rettenden Ufer. Ihre Verfassung ist die Zwischenlösung, der Behelf, das Provisorium, die ewige Pubertät. ›Fortschritt‹ ist damit der endlose Gegenentwurf zur Utopie, jenem Ersatzparadies, auf das man nicht selten gewaltsam hinarbeiten zu können glaubte. Die finale Statik der Utopie verdankt ihren Reiz nicht nur dem Versprechen, die Hoffnungen der Zeitgenossen würden noch innerhalb ihrer eigenen Lebensspanne erfüllt. Es ist außerdem das Angebot einer Erzählung, die dort, wo das Fortschrittsdenken nur haltlose Veränderungsprozesse zu bieten hat, Möglichkeiten zur Orientierung an geschichtlichen Festpunkten bietet.5

Es ist nicht zu bestreiten, dass der technische Fortschritt insbesondere in Hinblick auf die Möglichkeiten zur Leidvermeidung beeindruckende Erfolge vorzuweisen hat. Zugleich wird man jedoch ohne Not eingestehen, dass unter den Leistungsspitzen menschlichen Erfindungsgeistes nicht nur die zuträglichen Resultate guter Absichten stehen. Stahlgewitter, Kernspaltungen, Weltraumflüge – nur wenige prominente Stationen eines Programms, das auf die fortwährende Züchtung von Superlativen zielt. Auch die optimistische Annahme, der Fortschritt habe seine Begleiterscheinungen dank laufender Selbststabilisierung im Griff, bietet keine Garantien für dauerhaft gesichertes Wohlbehagen in hochkomplexen Kunstlandschaften, sondern schließt die Wirklichkeit schmerzhafter Brüche und bitterer Ernüchterungen mit ein.

Die Moderne hat sich nie schwergetan, technikkritischen und kulturpessimistischen Haltungen mannigfache Erregungspunkte zu bieten. Und auch die Defizite an fundamentaler Ordnungsstruktur haben in der Selbstwahrnehmung der Epoche ihren festen Platz. Während Nietzsches bildhafte Diagnose unseres fortwährenden Sturzes aus dem berühmten § 125 der Fröhlichen Wissenschaft darauf abhebt, dass diese modernen Tage keinen rechten Halt und keine verlässliche Orientierung bieten, ruft Paul Valérys Krise des Geistes von 1919 ins Bewusstsein, dass unsere Ermächtigungen einen Schatten werfen, in dem destruktive Potenzen ungeahnten Ausmaßes gedeihen. Den gemeinsamen Berührungspunkt markiert die Einsicht, vielleicht auch nur das Sentiment, dass das Zeitalter uns dauerhaft vor ungekannte Probleme und katastrophale Möglichkeiten stellt.

Indem der technische Fortschritt immer auch selbstbezogene Notwendigkeiten zeitigt, ist er nicht an menschliches Wohlergehen gekoppelt, ja er weist mitunter die Tendenz auf, humanen Bedürfnissen abträglich zu sein. Aufgrund dieser Neigung droht Innovation zum Selbstzweck zu geraten, wenn die Betroffenen nicht willens oder in der Lage sind, sich Klarheit darüber zu verschaffen, in welcher Hinsicht Veränderungen eigentlich als Verbesserungen zu bewerten sind. Auf diese Herausforderung, vor die jeder einzelne im Zuge der Entwicklung gestellt ist, hat Robert Spaemann hingewiesen, um darüber hinaus die Frage nach dem Sinn und Zweck des Fortschritts schlechthin zu stellen.6 Hier sorgt die Annahme der Endlosigkeit für Schwierigkeiten. Denn wie kann überhaupt von Fortschritt die Rede sein, wenn gar kein Ziel formulierbar ist, das als Maßgabe dient, um den Veränderungsgang darauf hin als förderlich zu interpretieren?

Spaemann imaginiert in dieser Angelegenheit – deren ethischer Gehalt nun ganz offenbar wird – keine fernen Destinationen, sondern lenkt den Blick auf das, was bereits existiert und bei all diesen Überlegungen immer schon verwirklicht ist: den Menschen. Er ist es, der als das große Um-willen vorgestellt wird, als jener unbedingte ›Endzweck‹ im Sinne Kants, der keinem weiteren Wozu mehr unterordnet werden könne. Die Bestimmung des Fortschritts sei damit der Dienst am Menschen, auf den alle technische Entwicklung hingeordnet bleiben müsse.
Diese Position ist nicht nur deshalb attraktiv, weil sie dem Vernunftbegabten schmeichelt. Sie nimmt dem Fortschrittsgeschehen auch ein Stück weit seine obskure Unbestimmtheit, indem sie ein stabiles Kriterium bietet, das im unsteten Katarakt der Prozesse ein befriedigendes Maß an Orientierung gewährt. Die große Herausforderung für die Zukunft bestünde dann womöglich darin, den technischen Fortschritt einzig um des Menschen willen fortlaufend zu stabilisieren, unter kritischer Prüfung und Einhegung von Tendenzen, die der humanen Verfassung zuwiderlaufen.

So plausibel diese Haltung klingen mag, für die Zukunft ist sie so ungesichert wie die weitere Entwicklung der hergestellten Welt. Nicht nur, dass es alles andere als selbstverständlich ist, was heute eigentlich unter ›humaner Verfassung‹ zu verstehen wäre, oder dass in Schwierigkeiten gerät, wer für sich in Anspruch nimmt, über ein verbindliches Muster vom ›guten Leben‹ zu verfügen. Auch der Begriff vom ›Menschen‹ überhaupt ist kein Beispiel für erhabene Wandlungsresistenz. Hatte Kant in der Kritik der Urteilskraft noch von »der Schöpfung Endzweck«7 gesprochen, so war diesem Verständnis – insbesondere in den exakten Wissenschaften – keine große Zukunft beschert. Homo sapiens wird kaum mehr als das sakrosankt vollendete Werk einer höchsten Schaffenskraft betrachtet, sondern vielmehr als das aktuelle Resultat eines blinden evolutionären Wettbewerbs, in den mit technischen Mitteln optimierend und beschleunigend einzugreifen inzwischen nicht nur möglich, sondern für manche zunehmend geboten ist. Die Assimilation durch die Eigenlogik artifizieller Entwicklung wird dann nicht als Gefahr, sondern als Chance oder gar Notwendigkeit aufgefasst. Das hierzu bemühte Argument, Menschen von hergebrachter Konstitution könnten mit der Rasanz der Entwicklung nicht schritthalten und müssten daher auf künstlichem Niveau betriebstauglich gehalten werden, führt eine fundamentale Umkehrung eindrucksvoll vor Augen: Das bisher avancierteste Hominidenmodell ist nicht länger der Zweck, dem der Fortschritt zu dienen hätte. Alles, was noch Anker, Säule oder Fundament hätte sein können, geht damit verloren. »Fort von allen Sonnen« ist die Bewegungsrichtung eines Getriebenen, der im neophil überreizten Klima seiner Gegenwart die Fassung verliert.

  1. Vgl. Blumenberg, Hans: Geistesgeschichte der Technik. Aus dem Nachlaß hrgs. v. Alexander Schmitz und Bernd Stiegler, Frankfurt/M. 2009, S. 64.
  2. Zitiert nach Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Mit Apokryphen, Stuttgart 1984.
  3. Vgl. Blumenberg, Dogmatische und rationale Analyse, S. 407, 412.
  4. Sloterdijk, Peter: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne, Berlin 2014, S. 263.
  5. Vgl. Blumenberg, Dogmatische und rationale Analyse, S. 421.
  6. Vgl. Spaemann, Robert: Unter welchen Umständen kann man noch von Fortschritt sprechen?, in: ders., Philosophische Essays, Stuttgart 1983, S. 130–150.
  7. Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Mit Einleitungen und Bibliographie hrsg. von Heiner F. Klemme, 3. Aufl., Hamburg 2009, B 398.

Gärten II

Von gedeihlichen Stunden in entrückten Grünanlagen handeln auch die Gespräche über die Vielzahl der Welten, mit denen der französische Frühaufklärer Bernard Le Bovier de Fontenelle im späten 17. Jahrhundert eine große Leserschaft erreicht.1

  1. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686), in: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119.