Prometheisches Programm

Entwicklungshilfe für den Kosmos

Wenn es um Prognosen und Visionen zur Zukunft von Homo sapiens geht, regiert das Kolossalformat. Vor allem dann, wenn Namen wie Nick Bostrom oder Stephen Hawking im Spiel sind beziehungsweise waren, steigen superlative Szenarien auf. In einer Mischung aus unbehaglicher Apokalyptik und väterlicher Sorge kommt man in zentralen Punkten überein: Die größten Gefahren für den Bestand der Spezies lauern in ihren eigenen Produkten. Nicht Asteroiden, Vulkane oder sonstige Natursachen, sondern Waffensysteme, anthropogene Klimaveränderungen, die Möglichkeiten der synthetischen Biologie und künstliche »Superintelligenz« seien es, von denen die ernsthaftesten Bedrohungen ausgingen.
Die empfohlene Doppelstrategie zur Rettung der Art lautet: Aufrüstung des Hominidenmodells mit technischen Mitteln, um den eigenen Schöpfungen zukünftig gewachsen zu sein, und interstellare Expansion, um dem zerschundenen Mutterschiff zu entkommen und mit der Kolonisierung des Universums eine neue Glücksuche zu beginnen. Vor den fulminanten Katastrophenpanoramen ist man durch ein starkes Fürsorgemotiv geeint. Die Gedanken kreisen letztlich um menschliches Wohlergehen, was auch immer dieses Attribut einmal bedeuten mag.

Anderswo hält man sich mit solchen Duseleien nicht auf. Der Informatiker Jürgen Schmidhuber beispielsweise bietet eine Version jener Zukunft, in der die Menschen aus der Erzählung herausfallen. Zu gigantisch sind die Maßstäbe des Schauspiels, als den alten Erdenwohnern noch eine Rolle zukommen könnte.
Entscheidende Passagen seiner Voraussage leitet Schmidhuber mit bewährten rhetorischen Stilmitteln ein. »Was wird wirklich passieren?« Das Folgende will freilich nicht als Einschätzung und bloße Möglichkeit missverstanden werden, sondern klingt im hohen Ton unumstößlicher Gewissheit:

Wenn KIs [künstliche Intelligenzen] mal wahrhaft klug sind, werden sie sich neugierig ihre eigenen Ziele setzen, so wie sie es in meinem Labor schon längst tun. Sie werden Unmengen weiterer ganz unterschiedlicher KIs bauen und sich geradezu zwangsläufig ausbreien ins All, weil eben fast alle physikalischen Ressourcen, also Materie und Energie, für selbst replizierende Roboter und Infrastruktur da draußen sind.
Diejenigen KIs mit Willen und Fähigkeit zur Ausbreitung werden natürlich, wie in anderen evolutionären Prozessen auch, bald die meisten und einflussreichsten sein. Fast alle Intelligenz wird daher bald sehr weit weg von der Erde sein und kaum etwas zu tun haben mit Menschen, die für den Weltraum nicht taugen. Eine komplexe KI-Ökologie mit Trillionen von verschiedenen, sich ständig ändernden KI-Arten und den unglaublichsten Formen des Wettbewerbs und der Zusammenarbeit wird expandieren, maximal mit Lichtgeschwindigkeit, zunächst jedoch viel langsamer. Da das Universum noch viele Male älter werden wird, als es jetzt ist, bleibt wohl mehr als genug Zeit, um den gesamten heute sichtbaren Teil zu kolonisieren und umzugestalten. Unsere Forschung dient als Steigbügelhalter für den Kosmos, der eine neue Stufe der Komplexität erklimmen und intelligent werden will.1

Nun sind gegenwärtige Tech-Diskurse nicht gerade für ihre Begriffsarbeit bekannt. Dass die vorliegende Rede von »Wahrhaftigkeit«, »Klugheit«, »Neugier«, »Wille« und »Intelligenz« zum Lehrstück anthropomorpher Verstellung taugt, soll hier nicht weiter interessieren.
Prometheische Scham war gestern. Schmidhuber genießt Glückseligkeit im Dienst an höheren und vielleicht höchsten Dingen. Als heimlicher Gottgebärer mag er von seinem »Kosmos« einmal vergessen werden. Für seine gegenwärtigen Artgenossen hat er jedenfalls interessante Geschichten parat. Mit V/max zu fernen Unglaublichkeiten davonreiten. Zurück bleiben ein paar schmutzige Stallknechte auf einer lächerlichen Stufe der kosmischen Karriereleiter. Ob Hawking das gefallen hätte?

Wer für sich in Anspruch nimmt, nicht nur zu wissen, was der »Kosmos« wolle, sondern auch in der Lage zu sein, dies zu erfüllen, setzt sich mindestens dem Verdacht aus, vollzufrieden im Grenzgebiet zur Prophetie unterwegs zu sein.

  1. Knop, Carsten: »Wir müssen Milliarden ausgeben«, in: Auf die Zukunft. Das Magazin zum Innovationstag 2018, FAZ-Verlagsmagazin, S. 12–14, hier S. 14.

Gärten II

Von gedeihlichen Stunden in entrückten Grünanlagen handeln auch die Gespräche über die Vielzahl der Welten, mit denen der französische Frühaufklärer Bernard Le Bovier de Fontenelle im späten 17. Jahrhundert eine große Leserschaft erreicht.1

  1. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686), in: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119.