Prometheisches Programm

Die Epoche technischer Entgrenzung wird eingeläutet – 24/7. Mühelos dröhnt der Schalldruck auch bis hinter die letzten Wälder, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass das vertraute Leben nun aufgeben werden müsse, ja dass Routinen und Beharrlichkeiten überhaupt ausgedient hätten. Äußersten Haltungen scheint die Lage günstig: Während der technische Ekstatiker lustvoll sich neuen Horizonten entgegenwirft, wittern andere den Aufstieg einer Welt des Untergangs. Auch im moderaten Raum zwischen Dämonisierung und euphorischer Entflammung mag es kaum gelingen, den Gefühlslagen des Unbehagens und der Zuversicht zu entgehen.

Der wissenschaftlich-technische Komplex progressiver Naturbeherrschung, der als Selbstbehauptungsprojekt eines metaphysisch obdachlos gewordenen Erdenwohners hochgefahren worden ist, bringt seine wachsenden Möglichkeiten eindrucksvoll zur Geltung. Auf der ständigen Suche nach neuen Anwendungsfeldern dringt er zunehmend auch in Bereiche humaner Angelegenheiten vor, wo seine im Wesentlichen auf computing power beruhende Leistungsfähigkeit besondere Brisanz erlangt.

Auf diesem Gebiet sind auch jene Erkenntnisbemühungen angesiedelt, deren Anliegen mit dem Programm der positiven Wissenschaften nicht zur Deckung kommt. Was man seit den Tagen Mills und Diltheys die »Geisteswissenschaften« zu nennen pflegt, ist gerade nicht der Vorbereitungsdienst für den Anwendungsfall. Es ist vielmehr die unabschließbare Aufgabe deutender Selbstbefassung, die sich dem Schema praktischer Verwertbarkeit nicht einfügen mag. Und so war es die Eigenlogik des Gegenstandsbereichs, die die Initiativen des 19. Jahrhunderts motivierte, der Hegemonie naturwissenschaftlicher Paradigmen etwas entgegenzusetzen. In der Überzeugung, dass die Werkwelt des Menschen dem methodischen Zugriff der Naturwissenschaften weitgehend entzogen bleibt, gründen die klassischen Absatzbewegungen von Dilthey bis Cassirer.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich das kontroverse Potential, das dem Einsatz von Informationstechnik auf dem Feld der kulturellen Tatsachen eignet. Auch hier wird unter hellen Fanfarenstößen ein Epochenschnitt mitinszeniert: Während die alte Welt beschleunigt verdämmert, wirft ein neues Zeitalter sein betörendes Licht schon auf uns – die Ära der »Digitalität« ist angebrochen. Konsequenterweise mehren sich heute (wieder) die Ansagen, Kultur »rechnen« und »vermessen« zu wollen.1 Unter dem Programmtitel der »Digitalen Geisteswissenschaften« – beziehungsweise »Digital Humanities« – präsentiert sich ein Tendenzunternehmen, in dem die Problematik bestimmter Anspruchshaltungen nicht immer bekannt zu sein scheint. Auch die vermehrt aufkommenden Initiativen zur Reflexion des Vorgangs einer gerade sich konstituierenden Teildisziplin ändern nichts daran, dass es für die technischen Entwicklungsabteilungen nur eine Richtung gibt: vorwärts.

Die hier eingesetzte Figur der gedanklichen Rückbeugung deutet indes auf die Notwendigkeit von Distanzierungen hin. Innerhalb des Maschinenraums kann diese Artistik nicht gelingen. Sie braucht Freiräume. Anders gesagt: Die orientierende Verständigung über Technik kann nicht mit technischen Mitteln erfolgen.

Man kann jedoch den Eindruck gewinnen, dass sich auch innerhalb der altehrwürdigen Orientierungsinstanzen Anzeichen begrifflicher Wirrnis mehren. So ist beispielsweise immer häufiger von Geistes- und Kulturwissenschaften die Rede, ohne dass stets klar wäre, worin eigentlich der Unterschied bestehen soll und welche Verhältnisse der Über- und Unterordnung im Spiel sind. Hinzu mischen sich Human- und Sozialwissenschaften, diverse Anthropologien, fremdsprachige Kategorisierungen unter Namen wie Humanities, unglückliche Übersetzungen, allerlei studies. Und wäre all dies nicht genug, werden viele dieser Ingredienzen auch noch mit zugkräftigen Attributen gewürzt.

Die Vernunftkritik Kants hatte sich der überzeitlichen Reinheit mathematischer Prinzipien verpflichtet. Von dort gelangen wir auf den Boden der Naturwissenschaften. Mit seinem Lebensvorhaben einer Kritik der historischen Vernunft war es Wilhelm Dilthey, der an dieser Stelle die Vorzeichen änderte. Statt den Strukturen mathematisch-physikalischer Erkenntnis gilt sein Interesse der geschichtlichen Welt, zu deren Erforschung durch die nun aufkommenden »Geisteswissenschaften« er in mehreren Anläufen theoretische Pionierarbeit leistet.

Doch die Angelegenheit ist von vornherein nicht nur mit Vorbehalten wissenschaftstheoretischer Art konfrontiert. Die seitdem immer wieder erneuerte Forderung, die »Geisteswissenschaften« hätten in Naturwissenschaft aufzugehen, um überhaupt die Auszeichnung als Wissenschaft beanspruchen zu können, gehört in die lange Reihe der Zurückweisungen. Bemerkenswert ist, dass die Schwierigkeiten schon viel früher beginnen, und zwar bei der Namensgebung.

In seiner Einleitung in die Geisteswissenschaften macht Dilthey aus seiner Abneigung gegenüber dieser Benennung kein Hehl. Sie erscheint ihm, »verglichen mit all den anderen unangemessenen Bezeichnungen, zwischen denen die Wahl ist, als die mindest unangemessene.«2 Das klingt sehr nach Kompromiss um der allgemeinen Verständlichkeit willen, denn der Ausdruck »Geisteswissenschaften« sei zu dieser Zeit bereits recht weit verbreitet gewesen. Auch Ernst Cassirer legt diese ablehnende Haltung an den Tag und spricht sich sogar dafür aus, das Wort »in strenger theoretischer Auseinandersetzung überhaupt zu meiden.«3 Zu gefährlich sei sein Doppelsinn, zu groß das Risiko der Irrleitung in metaphysische Dualismen.

»Geisteswissenschaften« – schon in der Aufschrift so viel Bedenken, Zweifel und Problem, getragen und diagnostiziert immerhin von Leuten, denen an belastbaren Fundamenten gelegen war und denen ein Interesse an langfristigen Hypotheken nicht unterstellt werden kann. Seltsamerweise fügt sich dieses Detail recht gut in ein allgemeines Bild. Wer starker Gewissheiten bedarf und eindeutige, nützliche Lösungen schätzt, wer bloße Problemanzeigen für unbefriedigend und die Unabschließbarkeit des Verstehens für eine Zumutung hält, der wird hier keine Heimat finden. Dazu, in letzterer Zeit, ein wunderliches Bedürfnis nach Ausrufung von »turns« sowie ein Hang zu anhaltenden Verabschiedungsgesten – man denke nur an die Verwendungsfrequenz des Wortbildungselementes »Post-«. Leiden die »Geisteswissenschaften« nicht seit jeher unter Legitimationsdefiziten und latenten Minderwertigkeitskomplexen?

In geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen ist der Einsatz moderner Digitalrechner derzeit vor allem dann attraktiv, wenn die Speicher voll sind. Angesichts unüberschaubarer Quellenmengen gleitet die Forschung in den opaken Datenraum informationstechnischer Strukturen, wo Streifzüge möglich werden, die ohne IT-Einsatz auch unter Aufbietung ganzer Forscherdynastien möglicherweise nie hätten unternommen werden können. Stattdessen verrichten Algorithmenkolonnen ihre Arbeit; es schlägt die Stunde der Massendatenanalyse, der großangelegten Durchsuchungen und automatisierten Erfassungen. Aus Lesen wird Auslesen. Distant Reading verspricht höherstufige Orientierungsleistungen, indem Strukturen, Muster und Zusammenhänge in größtmöglichen Maßstäben erkennbar würden.

Die Leistungen und Vorzüge der Rechenkunst sind damit nicht erschöpft. Wer wollte sich dem Reiz technischer Mittel entziehen, die über ihre normierten Infrastrukturen dem transformierten Quellenmaterial virtuelle Präsenz verleihen und damit beispiellose Verfügbarkeiten bieten, die obendrein neue Wege des Austauschs mit nie dagewesenen Möglichkeiten der Partizipation verbinden, die neue Fragestellungen eröffnen und so innerhalb der Forschung beachtliche Dynamiken erzeugen? Selbst wenn man noch die komfortablen Optionen der Materialsicherung, einen avantgardistischen start up-spirit sowie die Präferenzen aktueller Forschungsförderung bedenkt, dürfen wir uns fragen, ob das alles sein soll, aus dem die Hypertrophie datenbasierter Verarbeitungslogik verständlich wird.

Sind es am Ende doch die Eindeutigkeitsversprechen des Naturalismus, die einem enttäuschten Gewissheitsverlangen entgegenkommen? Und könnte die Hinwendung zur Computertechnik womöglich auch als Reaktion auf kulturwissenschaftlichen Relativismus und konstruktivistischen Subversionseifer verständlich werden?

Um sich über Ansprüche, Tauglichkeiten und Fallstricke in diesem Bereich Klarheit zu verschaffen, bieten die rhetorischen Bildwelten prominenter Fachvertreter einen reizvollen Einstieg.
Gregory Crane, Professor für Digital Humanities an der Universität Leipzig, ist an historischen Fragestellungen interessiert und »will Ideen von Altgriechenland bis heute vergleichen«. Um die einschlägigen Leistungen digitaler Methoden zu veranschaulichen und um seine diesbezüglichen Erwartungen zum Ausdruck zu bringen, greift er in einem Interview zu einer Metapher: Mit der von ihm eingesetzten Technik verfüge man über »so etwas wie ein Hubble-Teleskop für unsere Kultur«.

Was bedeutet das alles?


An diesem Bild verdichtet sich ein zentrales Problemfeld in aufschlussreicher Weise. Denn seit seiner Erfindung ist das Teleskop ohne Zweifel eines der verdienstvollsten Instrumente in der Arbeit des Naturforschers. In das symbolische Universum, das die Kultur als Welt des Menschen erst ausmacht, vermag es jedoch nicht vorzudringen. Es handelt sich offenbar um einen rhetorischen Missgriff, da Crane, der in den Texten ja nicht bloß Wörter zählen möchte, mit einem derart platten Positivismus sicher nichts zu schaffen hat. Seine Arbeitsweise zielt vielmehr auf die semantischen Ebenen und führt uns damit zum technischen Kern »Digitaler Geisteswissenschaften«: der Modellierung. Es geht dabei insbesondere um die Frage, wie »Bedeutung« für informationstechnische Systeme verarbeitbar gemacht werden kann.

Von dem Gegenstand kulturwissenschaftlichen Interesses muss dafür zunächst ein »Digitalisat« erzeugt werden – ein maschinenlesbarer Datensatz aus diskreten Zahlenfolgen. Um auf diesem informationstechnische Operationen durchführen zu können, braucht es Datenmodelle und formale Begriffssysteme, das heißt, dem Arbeitsgerät muss durch Definitionen und Formalisierung von Bedeutungen eine Ordnung der Dinge eingeschrieben werden, die dann als Basis für sämtliche Auswertungsmöglichkeiten fungiert.

Das Modell selbst ist freilich ein Kind seiner Zeit. In ihm sedimentieren die Interessen, Ansprüche, Erwartungen und Vorlieben derjenigen, die es entwerfen. Erkenntnispotentiale und Aussagemöglichkeiten werden im Vorfeld durch die Eingaben prädisponiert. Jegliche Bedeutung, die einem einzelnen Wort oder einem komplexen Werk in seinem historischen Umfeld zukommt, muss der Technik zuvor mitgeteilt werden. Die unabschließbare Kunst des Auslegens und Verstehens gerinnt in den Schaltkreisen. Wer hier also von Potentialen schwärmt, sollte von der Gegenrechnung nicht schweigen.

Bei solchen Kanalisierungen kann man sich an jene Abschattungseffekte und Verluste erinnern, die Jean-François Lyotard für den Wissenserwerb und die sich anschließenden Übermittlungsprozesse im postmodernen Maschinenzeitalter prognostiziert hat. Auch hier geht es um den Einsatz von Erkenntnismitteln, die in ihren Verfahrensweisen selbst nicht zum Gegenstand werden können. Wenn auch ein paar ansehnliche Forschungsergebnisse dabei herausspringen mögen, nach Olympic View will die Sache nicht so recht klingen.
Verrennt man sich in einen Betrieb, dessen Erträge kaum aufzuwiegen vermögen, was er an toten Winkeln gedeihen lässt?

Die Wissenschaftsgeschichte ist nicht arm an Beispielen dafür, was auch in aktuellen Auseinandersetzungen immer wieder sich zeigt: Auffassungen prinzipieller Art, wie sie etwa in wissenschaftstheoretischen Gedanken hervortreten, neigen selten zu Symbiosen und komplementären Verhältnissen. Dafür geht es – unter Rückgriff auf das Vokabular militärischer Auseinandersetzungen – vielmehr um Sieg und Niederlage. Kants berühmter »Kampfplatz« steht in ebenso guter Gelehrtentradition wie die science wars jenseits des Atlantiks.

Obwohl geisteswissenschaftliche Digitalfraktionen gern im Lichte versöhnlicher Konnektivität und als »Brückenbauer« zwischen verschiedenen Fachkulturen auftreten, legt sich immer wieder auch der Schatten einer feindlichen Übernahme auf die Szenerie. Neben Fragen nach der Verträglichkeit von Technikeinsatz und hermeneutischer Herausforderung ist dabei nicht selten auch die Spannung präsent, die sich zwischen Legitimierung und Anspruchsbegrenzung aufbaut.
Diese Problemlagen haben ihren Platz mittlerweile auch auf einschlägigen Konferenzen gefunden. So wurden auf der 5. Tagung des Verbands »Digital Humanities im deutschsprachigen Raum« einige Lagebeurteilungen geboten, die zwischen Separierung und Kooperation changieren. Daniel Althof beispielsweise kommt in seiner Auslotung und Zuweisung von Kompetenzbereichen zu der Einschätzung, dass die Digitaltechnik als eine Art Konvergenzzone von Natur- und Geisteswissenschaften letztere ein Stück gen ›harte Wissenschaft‹ rücke, ohne dabei ihr interpretierendes und auslegendes Herz anzutasten. Und unter dem Titel »Der ›Stachel des Digitalen‹ – ein Anreiz zur Selbstreflexion in den Geisteswissenschaften?« führt Sybille Krämer ein Bild an, dessen Logik nicht gerade auf Fraternisierung getrimmt ist. Der ›Stachel‹ unterminiert solche Bilder, die auf freundliche Grenzüberwindung und wohlmeinende Kommunikation hindeuten. Stattdessen handelt es sich um einen lästigen Fremdkörper, mit dem man, sollte er sich nicht entfernen lassen, zu leben hat, in der Hoffnung auf Verkapselung und möglichst geringe Beeinträchtigung. Er bleibt ein Eindringling, der das Verhalten des von ihm beschädigten Körpers ändert. Stachel verursachen Anspannung, Nervosität, Unruhe, vielleicht sogar Raserei; sie sind Störfaktoren, »Anreize«, wie Krämer es – in der Hoffnung auf autoaufklärerische Effekte – positiv gewendet formuliert.
Stellen wir noch eine Aussage des Ideenhistorikers Crane aus oben genanntem Interview hinzu:

Wenn wir die beste Forschung betreiben wollen – was immer unser Anspruch sein sollte –, brauchen wir die besten Algorithmen.

Sollten Geisteswissenschaftler alten Zuschnitts sich herausgefordert fühlen?

Die neuen Kollegen sind da: mehrdeutige Inszenierung


Unter den Wandlungen geisteswissenschaftlicher Begriffs- und Denkwelten, die sich seit den Grundlegungen des 19. und 20. Jahrhunderts vollzogen haben, lassen sich derzeit eindrucksvolle Manöver besichtigen. Dass einige Abteilungen in Richtung Quantifizierung und Statistik abdrehen, führen vor allem die kulturell gestimmten IT-Diskurse samt ihrer visuellen Rhetorik aus Kurven und Balken vor Augen.

In den Texten Diltheys beispielsweise empfängt uns ein ganz anderes mentales Klima. Berichte von der hitzigen Jagd nach bahnbrechenden Erkenntnissen sind so rar wie die neuesten Meldungen innovativer Typen zu den angesagtesten Methodentrends. Die ganze Sorge des Autors gilt dem langwierigen Abenteuer des Umwegs durch das »äußere Reich des Geistes«4 um der Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis willen. Seine Fundierung findet das ganze Unternehmen in dem triadischen Zusammenhang von Leben, Ausdruck und Verstehen, einem Entwurf, der nicht zuletzt wegen seiner lebensphilosophischen Verflechtungen in einiger Distanz zu heutigen Konzepten liegt.
Es soll hier nicht um die Ausrichtung an betagten Vorgaben gehen. Nehmen wir den alten Wiesbadener Fährtenleser lediglich als Kontrastfolie, um einen Eindruck von den Veränderungen des Verständnisses von »Geisteswissenschaft« zu bekommen. Das zunehmende Gewicht technisch-naturalistischer Begriffe, die Ausbreitung einer Affinität zu Messbarkeit und Formalisierung oder auch der Stellenwert, den Kategorien wie Nutzen, Verwertbarkeit, Effizienz, Anwendungs- und Bedarfsorientierung vielerorts genießen, zeigen eine Tendenz, über die sich schwer hinwegsehen lässt. Die Frage wird wohl auch in Zukunft – und vielleicht vehementer denn je – gestellt werden: wozu »Geisteswissenschaft«? Könnte der Sinn des Unternehmens sich einmal in jenen Denkmustern zu erweisen haben?

Ernst Cassirers fünf Studien Zur Logik der Kulturwissenschaften gelten manchen bis heute als die Sternstunde einer Diskussion, die sich dem Riss zwischen empirischen Tatsachen und kulturellen Bedeutsamkeiten widmet. Zur Annäherung an diese Probleme und zur Vergegenwärtigung grundsätzlicher Fragen eignet sich diese Schrift vielleicht auch deshalb so gut, weil ihr – bei allem theoretischen Anspruch – vielfach eine anschauliche Auseinandersetzung mit dem Thema gelingt. Eingängige Beispiele finden sich etwa zum spezifischen Ineinander von physischem Bestand und ideellem Symbolwert des Kulturobjektes, zum Unterschied zwischen Beschreibung und Urteil oder auch zu den Besonderheiten der kulturwissenschaftlichen Form- und Stilbegriffe. Um sich also klarzumachen, wovon die Rede ist und was auf dem Spiel steht, bietet der Text aus dem Jahre 1942 ohne Zweifel ein verlässliches Mittel.

Die Geisteswissenschaften mögen gut beraten sein, sich vor der Logik des Nutzwertes und peinlichen Relevanzbeteuerungen zu hüten. In der Praxis muss diese Haltung allerdings zunehmend mit Nachteilen erkauft werden. Die Universitäten sind heute mehr denn je Teil der Lieferkette in innovationsgetriebenen Wirtschaftsläufen, und die beruhigten Posten, auf denen noch eine Vorstellung vom Ideal zweckfreier Bildung existiert, dünnen aus. Es scheint bisweilen so, als wolle oder könne diese Zeit im Sturmschritt sich das Verzögerungsgeschäft der Reflexion, der Kritik und der skeptischen Nachdenklichkeit nicht mehr leisten, als sei die ganze Theorie lästig geworden. Was denn will man mit dem Philosophen, der im Brunnen festsitzt, bis jemand kommt und den Seilzug erfindet? Auf einem evidenzbasierten Sitz im gut ausgestatteten Maschinenpark ist er jedenfalls eine Fehlbesetzung.

  1. Vgl. Rehbein, Malte: Was sind Digital Humanities?, in: Akademie Aktuell. Zeitschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 56 (2016), S. 12–17, hier S. 14, 16.
  2. Dilthey, Wilhelm: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte, in: ders., Gesammelte Schriften, I. Band, 4., unveränderte Auflage, Stuttgart 1959, S. 5.
  3. Cassirer, Ernst: Zur Erkenntnistheorie der Kulturwissenschaften, in: Konersmann, Ralf (Hrsg.), Grundlagentexte Kulturphilosophie, Hamburg 2009, S. 139–163, hier S. 143.
  4. Dilthey, Wilhelm: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, in: ders., Gesammelte Schriften, VII. Band, 2., unveränderte Auflage, Leipzig/Berlin 1942, S. 146.

Gärten II

Von gedeihlichen Stunden in entrückten Grünanlagen handeln auch die Gespräche über die Vielzahl der Welten, mit denen der französische Frühaufklärer Bernard Le Bovier de Fontenelle im späten 17. Jahrhundert eine große Leserschaft erreicht.1

  1. Fontenelle, Bernard Le Bovier de: Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686), in: ders., Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Helga Bergmann u.a., Leipzig, 2. Aufl., 1991, S. 12–119.